ZAD – zweiter Lockdown

In Frankreich drückt sich Protest gegen geplante Großprojekte gerne mit Besetzung aus. Ein prominentes Beispiel der Region, in der ich mich gerade aufhalte, ist der Flughafen von Notre-Dame-des-Landes, der nördlich von Nantes hätte entstehen sollen. Aus einem Projekt einer Zone d’Aménagement Différée (in etwa: Zone in der sich was ganz Tolles ansiedelt) wurde eine Zone à Défendre (zu verteidigende Zone – schon aufgrund der Übersetzbarkeit ist dieser gegenüber der ersteren der Vorzug zu geben). Notre-Dames-des-Landes ist keine ZAD mehr, weder im einen, noch im anderen Sinne. Der Protest war erfolgreich. Über Jahre war das allerdings eine ziemlich heiße Angelegenheit.

Seinen Anfang nimmt die Geschichte um das Flughafenprojekt Ende der 60er. Prognosen zufolge werde der Flughafen von Nantes in absehbarer Zeit zu klein sein, hieß es damals. Einen geeigneten Ort für das geplante Rotterdam des Flugverkehrs findet man in der Nähe von Notre-Dame-des-Landes. Damit einher würde die Enteignung von einigen Landwirten gehen, die auf dem ausgewiesenen Gebiet aktiv sind. Schon damals formiert sich Widerstand von Seiten der Landwirte. Im Zuge des zweiten Erdölschocks Ende der Siebziger wird das Projekt auf Eis gelegt. Ende der Neunziger wird das Projekt wiederbelebt und mit ihm der Widerstand dagegen, der allerdings ganz neue Ausmaße annimmt. Mit den Landwirt*innen solidarisieren sich Menschen aus der ganzen Region. Im Jahr 2007 siedeln sich die ersten Besetzter*innen auf dem Gelände des geplanten Flughafens an. Im Laufe der Jahre entstehen zahlreiche kleine Bebauungen der Besetzer*innen. In der Zwischenzeit wird auf politischer Ebene der Bau des Flughaufens beschlossen: es fällt die Entscheidung, dass es sich beim Flughafen um ein für die Öffentlichkeit nützliches Projekt handelt; das nennt sich dann DUP, Décision d’Utilité Publique. Damit räumt sich der Staat das Recht ein, alle, die auf dem betreffenden Gebiet Angesiedelten zu enteignen, was in diesem Falle die Landwirt*innen betroffen hätte. Diese Nützlichkeit wird allerdings von breiten Teilen der Öffentlichkeit in Frage gestellt. Es formiert sich also ein breiter Protest gegen dieses weitere projet inutile – unnütze Projekt. Es wird viel demonstriert, von Nantes bis nach Rennes und auch landesweit ziehen Protestaktionen Leute nach Notre-Dame-des-Landes. Ende 2012 gibt es eine Demonstration, die zwischen 12 000 und 40 000 Demonstrant*innen nach Notre-Dame-des-Landes zieht. In Nantes selbst wird auch demonstriert. Bei einer Demonstration 2013, bei der ein ziemlich breites Spektrum der Gesellschaft friedlich demonstriert – zahlreiche Familien mit Kindern sind auf der Demo – geizt die Polizei nicht mit Tränengas. Für eine der Bewohnerinnen der Ferme de l’Aufrère war das der Moment, an dem sie sich sagte, sie gehe nie wieder demonstrieren. Die Polizei ist völlig ausgerastet. Nun, eine ganze Weile gab es ein kräftiges Tauziehen zwischen den politischen Verantwortlichen (zu der Zeit waren das die Sozialist*innen) und den Gegner*innen des Projekts. François Hollande sah sich schließlich veranlasst, ein Referendum in der Region durchzuführen. Eine knappe Mehrheit sprach sich für den Flughafen aus. Das führte aber nicht dazu, dass die Protestierenden ihren Widerstand aufgegeben hätten. Das Referendum hätte keine Tragweite, man hätte das Abstimmungsgebiet viel größer fassen müssen. Das Projekt sei im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung einer viel größeren Region geplant, entsprechend hätte man zumindest auch Rennes befragen müssen. Es gibt in der Folge regelmäßig Versuche der Polizei, schwergepanzert, unter Einsatz von jede Menge Tränengas und LBDs (das ist ein Gewehr, das Gummigeschosse verschießt, die verheerende Körperschäden anrichten können – während der Gelbwestenprotesten haben aufgrund von LBDs einige Leute Augen verloren) das Gebiet von Besetzern zu befreien und die errichteten Konstruktionen abzureißen. Das Gelände wird mehrfach geräumt, aber die Besetzer*innen kehren unbeirrt zurück. Mit dem Amtseintritt von Macron wird das Flughafenprojekt abgeblasen, nachdem die Entscheidung über die Nützlichkeit des Flughafens revidiert wurde. Damit einher müsse aber ein Ende der Besetzung gehen. Der Atem der Gegner*innen hatte sich als zu lang erwiesen. Die Landwirt*innen feiern ihren Erfolg und sind zufrieden, der bürgerlichere Teil des Protestes freut sich auch, für sie ist das Ziel erreicht. Auf der anderen Seite gibt es aber noch die, die bis an Ende gehen (les jusq’au-boutistes – ein weiteres Kompositum des Französischen, das mir gefällt), die Besetzer*innen, die das Gelände weiter besetzt halten wollen. Diese fühlen sich verraten von den Landwirt*innen, die an weiteren Konfrontationen kein Interesse haben. Es folgt eine letzte Räumung der ZAD mit ganz besonders viel Polizei. Es geht zur Sache, von beiden Seiten. Zwischen den verschiedenen Teilen der Flughafengegner*innen gibt es bis heute böses Blut.

Für mich ist die ZAD von Notre-Dame-des-Landes ein geradezu mythischer Ort. Aus der Ferne habe ich das Geschehen dort seit Beginn meines Studiums verfolgt. Ein Referat von 45 Minuten in einem meiner Französischkurse habe ich dazu ausgearbeitet. Als ich mich auf den Weg in Richtung Aufrère machte, war mir erstaunlicher Weise gar nicht in den Sinn gekommen, dass Notre-Dame-des-Landes ja um die Ecke liegt. Mit der ZAD ist ein großer Teil der Leute hier über unterschiedliche Arten des Protests in Berührung gekommen. Mein Co-Wwoofer hat dort zum Beispiel mal eine Hütte mitkonstruiert. Eines der jungen Familienmitglieder der Farm war regelmäßig vor Ort und ist auch heute noch gut mit Leuten vernetzt, die dort in der Landwirtschaft aktiv sind.

Der Einbetonierungswahn im Sinne eines Wirtschaftswachstums, das sich um die Umwelt und planetare Grenzen der Ressourcenausbeutung einen Dreck schert, ist damit natürlich nicht beendet. Macron und seine Partei La République en marche sind dem Neoliberalismus verhaftet. Vor nicht langer Zeit hat das Parlament ein Gesetz beschlossen, dass die Schaffung von Industriegebieten beschleunigt: mit ihm werden bürokratische Hürden reduziert und Prüfverfahren vereinfacht. Es sollen demnächst einige Industriegebiete clé en main – Schlüssel in der Hand – entstehen: Der Staat kümmert sich darum, eine Infrastruktur zu schaffen, die es Unternehmer*innen sehr leicht machen soll, sich anzusiedeln. Eines dieser Gebiete soll am linken Loire-Ufer einige Kilometer hinter Nantes in Richtung Atlantikküste auf 110 ha entstehen. Seit einigen Wochen gibt es auch dort eine ZAD, die sich der geplanten Einbetonierung der Natur widersetzt. Das Interesse daran meinerseits, sich das mal anzuschauen, war groß. Und damit war ich nicht allein. Es fand sich dann auch eine Gruppe von vier Leuten, die sich von der Farme de l’Aufrère aus auf den Weg nach le Carnet machten, wo über ein Wochenende lang jede*r dazu eingeladen war, an Konstruktionsarbeiten teilzunehmen. Zur Zeit sind vielleicht zwanzig Besetzer*innen auf dem Gelände, nicht gerade die Welt. An verschiedenen Ecken entstehen dort Hütten für eine gemeinschaftliche Nutzung. Darüber hinaus werden aber auch Gräben gebuddelt, um zu erwartende Räumungsaktionen zu erschweren. Mein Co-Wwoofer und ich haben uns die nette Aufgabe gesucht, mit einem selbstgebastelten – allerdings nicht von uns – Anhänger, den man auch ganz gut mit der Hand ziehen konnte, einen Stoß von Paletten von A nach B zu ziehen. Fünf Paletten waren allerdings schon zu viel. Dem läppischen Gefährt verzog das Gewicht eine der Achsen. Das Teil war damit mehr oder weniger kaputt. Der zweite Teil unseres Aufenthaltes war der Aufgabe gewidmet, den Anhänger zu reparieren und sogar zu verstärken, auf dass andere nach uns Zeug durch die Gegend ziehen können.

Viel Hoffnung kann man sich für diese ZAD nicht machen. Mit dem neuerlichen Lockdown ist es so gut wie unmöglich, nötige Proteststrukturen zu erweitern. Es ist nur unter bestimmten Bedingungen – Einkäufe, Arbeit – erlaubt, sich über den Radius von einem Kilometer hinaus von seinem Wohnort zu entfernen. Die zwanzig bis dreißig Besetzer*innen, die zur Zeit vor Ort sind, werden wenig reißen.

Indes wurde in Frankreich also der zweite Lockdown verkündet. Damit fallen meine Pläne für November erst einmal ins Wasser. Mein Lockdown werde ich auf der Ferme de l’Aufrère verbringen. Ich bin unendlich froh, dass mir dieses Angebot gemacht wurde und unendlich froh, es angenommen zu haben. Besser kann man es kaum treffen. Wir sind hier ungefähr 25 Leute, ich werde weiterhin bei der Gemüseernte mithelfen (es gibt auch die Option, beim Zuschneiden der Weinreben dabei zu sein). Darüber hinaus wurde bei der Krisensitzung einen Tag nach der Verkündigung des Lockdowns besprochen, wie wir die nächste Zeit gestalten, damit hier niemandem die Decke auf den Kopf fällt. Ein Workshop wird den nächsten jagen: Jonglage, Gesang, Stricken, ein Deutschkurs – den letzten biete natürlich ich an. Hervorragende Gelegenheit, mich weiter in Total Physical Response zu üben, die ultimative Methode für einen angstbefreiten und am Erstspracherwerb orientierten Sprachunterricht. Im Moment gibt es sechs Interessierte. Es wird ein Heidenspaß. Und dann wird es noch den einen oder anderen Filmabend mit Leinwand, so einige mit Kartenspielen verbrachte Nachmittage und einige Spaziergänge im Wald geben. Luxus-Lockdown. Der Kontrast zu meinem ersten in der Pariser Banlieue könnte größer nicht sein. Es wird ein Fest.

La ferme de l’Aufrère

Die zweite Oktoberhälfte hielt für mich ein Wwoofing in der Nähe der Atlantikküste bereit, nicht allzu weit von Nantes entfernt. Von dem nächstgelegenen Bahnhof wurde ich von Marie abgeholt, die mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im Alter zwischen Anfang und Ende zwanzig einen Bauernhof in Familienbesitz betreibt. Auf der Autofahrt taten sich rechts und links Weinreben auf. Die Farm beherbergt neben den Familienmitgliedern, von denen eines sich gerade in der Auvergne für die Kastanienernte herumtreibt, eine ganze Menge an anderen Leuten, die sich entweder in einer Wohnung in dem um einen Hof gruppierten Gebäudeensemble eingemietet haben, ein Bungalow bewohnen – so wie die Wwoofer*innen –, oder sich dauerhaft mit ihrem Wohnwagen auf dem Gelände installiert haben. Eine Stroh-Jurte (darin wohnt ein Herr, der an einem anderen Ort Brot bäckt und darüber hinaus in einem Saal der Farm mit seiner Band rein instrumentalen Rock probt – was wahnsinnig gut klingt; man ahnt etwas von solcher Qualität eher nicht in ländlicher Abgeschiedenheit) und umgebaute LKW-Anhänger gehören auch zu den Wohngegebenheiten.

Einige Leute sind voll in die täglichen Aktivitäten der Farm involviert, andere sind anderweitig beschäftigt, nehmen aber aktiv am Leben auf der Farm Teil. Es gibt da zum Beispiel eine Frau, die vor einigen Monaten als Wwooferin hier war und ihren Aufenthalt verlängert hat, indem sie sich für den Winter hier einmietet. Die Gute hat sich ein Pferd gekauft, das auf verschiedenen Wiesen der Farm weidet, gemeinsam mit zwei Eseln. Einige Tage nach meiner Ankunft sind die Tiere vor unseren Bungalow gezogen. Hervorragende Gesellschaft. Und dann gibt es sonstige Bekannte, die auf der Durchfahrt sind und auf der Farm Halt machen.

Und dann gibt es noch jede, die woanders wohnen, aber nahezu täglich auf der Farm zu sehen sind, weil sie hier arbeiten: Das sind zum Beispiel ein junger Mensch, der sich auf einigen Parzellen im Familienbesitz als Winzer betätigt, und die Leuten, die im Gemüseanbau auf der Farm ihre Beschäftigung finden. Zu denen zählt Boris, der den Wwoofer*innen zu tun gibt. Abgesehen von meinem ersten auf der Farm verbrachten Wochenende, an dem alle Welt ausgeflogen zu sein schien, tobt und blüht das sprühende Leben. Ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zum blühenden, sprühenden Leben gehört in diesem Kreis von vor allem Mitt-Zwanzigern reichlich Alkohol und der ein oder andere Joint. Allabendlich trifft man sich zum gemeinsamen Apéro vor der Kulisse des Sonnenuntergangs. Während der in der Regel von Marie zubereiteten Mahlzeiten sind wir an die 12.

Die Farm ist Teil einer AMAP – Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne – Verein für den Erhalt einer bäuerlichen Landwirtschaft. Ziel ist es – und hier bediene ich mich in großen Teilen der AMAP-Webseite –, eine bäuerliche und biologische Landwirtschaft zu erhalten, die es schwer hat, sich gegen industrielle Landwirtschaft durchzusetzen. Es gibt einen direkten Kontakt zwischen den Produzent*innen und den Kund*innen. Die Kund*innen schließen einen Vertrag mit einer AMAP ab. Sie zahlen im Voraus und erhalten ein- bis mehrmals wöchentlich eine Kiste mit Obst, Gemüse und sonstigen Erzeugnissen. Die Kisten werden auf den Farmen abgeholt, wodurch der Kontakt zustande kommt. Auf diese Weise bekommen die Kund*innen einen Einblick in den landwirtschaftlichen Betrieb, der ihre Lebensmittel produziert und sind im Idealfall gern bereit, einen im Vergleich zu Produkten im Supermarkt (um einiges) höheren Preis zu zahlen, der aber in jedem Fall angemessen ist. Durch den Wegfall von Zwischenhändlern ist gesichert, dass die Produzent*innen nicht ausgebeutet werden.

Mein Bungalow teile ich mir mit Alan, seines Zeichens Biologe und seit einigen Monaten arbeitslos und von seiner Arbeitslosigkeit zu profitieren weiß. Auch er ist wwoofend unterwegs, für anderthalb Monate war er diesen Sommer in Schottland. Sein Broterwerb bestand zuvor darin, Gewässerkontrollen durchzuführen, die Ursachen für mangelnde Qualität und den damit einhergehenden Rückgang an Artenvielfalt auszumachen und daraus Handlungsvorschläge abzuleiten. Das Büro, für das er arbeitete, ist zwar von öffentlichen Geldern finanziert, die Resultate ihrer Arbeit finden in der Politik allerdings wenig Gehör. Wo es Profit-Interessen gibt, da interessiert die Natur wenig. Entsprechend frustrierend und sinnentleert kann eine solche Tätigkeit erscheinen, wenn den Berichten und Empfehlungen entgegen gehandelt wird; so war es jedenfalls der Fall für Alan. Eine ähnlich traurige Geschichte hatte eine ehemalige Wwooferin zu erzählen, die für einen Tag bei der Ernte dabei war: Naomi hat in Paris als Sozialarbeiterin in einer Unterkunft für Minderjährige gearbeitet. Das stellte sich so dar, dass dafür ein abgeranztes altes Gebäude zur Verfügung gestellt wurde, die Minderjährigen mitsamt den Sozialarbeiter*innen hinausgeworfen wurden und diese sich eben darum bemühten, auf sich allein gestellt zurechtzukommen. Unerträglich wurde ihr Beruf für sie, als sie sich mehr und mehr dessen Gewahr wurde, Erfüllungsgehilfin einer regressiven Flüchtlingspolitik zu werden: Sie hatte mit reichlich Kindern und Jugendlichen zu tun, die von ihren Eltern getrennt wurden, damit man letztere bequemer in die Abschiebehaft geben konnte. Nach drei Jahren: burn-out. Jetzt wwooft sie ein bisschen, ihrer Pariser Wohnung entledigt (ein Gefühl der Freiheit für sie), plant einen Umzug in die Bretagne und macht einen langen Erholungsurlaub. Zu den Miseren des französischen Staates zählt nicht zuletzt das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstrant*innen der Polizei, die ich in die Aufzählung hineinnehmen möchte, nachdem ich mir in Nantes mit einigen Leuten der Farm eine Doku zur Polizeigewalt während der Proteste der gilets jaunes, der Gelbwesten, angeschaut habe: Un pays qui se tiens sage – Ein Land, das sich für brav hält. Mein Bild von der französischen Polizei hat dadurch keinen Wandel erfahren, es war mir schon lange vorher klar, dass diese eine ganz besonders unsympathische ist. Der Leiter des Projektes, für das ich in meiner Pariser Banlieue gearbeitet habe, ist während seiner Arbeit für die Stadt als Mediator Opfer von Polizeigewalt geworden. Er hatte das Glück, dass jemand die Szene filmte. Über verschiedene Kanäle hat seine Geschichte Verbreitung gefunden. Ich verlinke mal ein Video für alle Frankophonen: hier. Was die Gelbwesten betrifft: Nicht wenige haben Augen und Hände verloren. Der Film, den wir gesehen haben, ist reich an erschütternden Bildern, reich an Szenen, in der die Polizei ohne Not auf Leute eindrischt. Die französische Polizei ist die einzige in Europa, die in ihrem Waffenarsenal Gegenstände aufzubieten hat, die als Kriegswaffen eingestuft werden. Die französische Polizei dient mit ihrem Vorgehen als beispielgebend für autoritäre Regime. Fürchte dich vor der französischen Polizei. Macron hat indes während der Proteste der gilets jaunes mit dem Satz auf sich aufmerksam gemacht, dass es schlicht inakzeptabel sei, in einer Demokratie das Vorgehen der Polizei zu kritisieren. Kontrolle haben als demokratisch deklarierte Institutionen anscheinend schlicht nicht nötig. Mir wird immer und immer schlechter, wenn ich an diesen Mann denke. Ich finde bestimmt noch einige Male Gelegenheit, mich über Macron aufzuregen, ich möchte aber jetzt schon einmal festhalten, dass ich ihn für einen der großen Totengräber der Menschheit halte – natürlich vor allem von einem ökologischen Standpunkt aus betrachtet. Aber ich schweife ab. Adan und Naomi sind jedenfalls Beispiele für Menschen mit potenziellen positiven gesellschaftlichen Wirkeffekten, denen der Staat gründlich ins Handwerk gefuscht hat und sich nun neu orientieren.

Für die Arbeit rund ums Gemüse sind wir in der Regel zu fünft. Der Traktor karrt leere Gemüsekästen zu den Gewächshäusern und -feldern und wir ernten fleißig – wenn wir nicht damit beschäftigt sind, in den Gewächshäusern tabula rasa zu machen. Für die Tomaten ist die Saison zum Beispiel vorbei. Salat gibt es aber jede Menge, Kohl verschiedener Art, Lauch (lustige Sache, Lauchstangen aus dem Boden zu ziehen) und Karotten ebenso. Es gibt also einiges zu tun, auch wenn die Saison so gut wie beendet ist. Zum Teil wird schon jetzt die kommende Saison vorbereitet: demnächst werden zum Beispiel Karotten für das Frühjahr geerntet. Nach den ersten anderthalb Stunden Arbeit gibt es in der Regel schon die erste Kaffee-, Tee- und Marmeladenbrotpause. Doppeltes Frühstück! Ein Fest. Der Vorteil von sinkenden Temperaturen ist, dass der Körper viel verbrennt, um sich aufzuwärmen und man entsprechend mampfen kann. Ich mag mampfen.

Zum Mampfen laden übrigens auch Pilze ein, die in der Umgebung reichlich sprießen und die bei einem gemeinsamen Pilzesammeln in großen Mengen – reichlich Steinpilze darunter – in Alans und meinem Weidenkorb landeten. Wie Schade, dass ich als Kind überhaupt keinen Geschmack an Pilzen finden konnte, ich würde mich heute gut damit auskennen. Meine Eltern sind große Pilzsammler. Ich zog es jedoch schnell vor, mich an Ausflügen in den Wald nicht zu beteiligen. Was mir obendrein nicht in den Kram passte, war es, Spinnennetze ins Gesicht zu bekommen. Was den Kontakt mit der lebendigen und Netze spinnenden Natur betrifft, bin heute – bilde ich mir ein – nahezu schmerzunempfindlich.

Centre de Partage zum Zweiten

Zunächst war es nach meiner zweiten Ankunft in Avioth natürlich interessant zu sehen, was von meinen Aktionen meines ersten Aufenthalts von Erfolg gekrönt war. Von den Erdbeerpflanzen war alles noch da, von den Himbeeren dürften immerhin zwei Drittel überlebt haben, der Sanddorn ist komplett eingegangen, der Eibisch ebenso. Der Monat für gelingende Umpflanzaktivitäten ist auch wahrlich nicht der August, wie ich mir habe sagen lassen. Nach meiner Abfahrt Ende August gab es erst einmal noch reichlich Trockenheit zu überstehen. Keine guten Voraussetzungen. Der beste Monat ist wohl der November. „A la Sainte Catherine, tout bois prend racines“ ist ein unter französischen Gärtner*innen beliebtes Sprichwort: Zum Tag der heiligen Katharina (25.11.) schlägt alles Holz wurzeln. Auf Französisch reimt es sich.

Avioth war schon beim ersten Mal ein Ort kulinarischer Experimente und sollte es auch beim zweiten Mal werden. Diesmal war die Aufgabe, den Mythos der ungeheuren Schwierigkeit eines gelingenden Blätterteigs zu entzaubern. Was es braucht, ist Zeit und gemäßigte Temperaturen im Raum seiner Herstellung. Einem ersten Versuch folgte ein zweiter, beide waren volle Erfolge. Das Endprodukt Apfeltasche erfreute sich großer Beliebtheit. Blätterteig ist jetzt fester Bestandteil meines Repertoires. Der eine oder andere wartet darauf, über Weihnachten hergestellt zu werden und Gaumen zu erfreuen.

Zu meinen Tätigkeiten im Garten – oft bei Regen – gehörten ansonsten abermalige Versuche, Sanddorn-Bäumchen zu pflanzen, einen Himbeerstrauch einzuhegen (einen netten Zaun habe ich da konstruiert) und eine Parzelle mit Erdbeerpflanzen auszudünnen.

Ansonsten gab es eine Begegnung mit einem Herrn, Psychologe von Beruf, der das erste Mal im Centre zu Gast war. In Brüssel ist er in einem von der Stadt finanzierten ökologischen Freiwilligen-Projekt aktiv. Eines Tages ist eine Gruppe junger Leute mit ihm in Kontakt getreten, die jemanden mit einem bürgerlichen Erscheinungsbild brauchten, um ihr Image aufzubessern. Es gibt innerhalb dieses Projekts nun verschiedene Arbeitsbereiche, seiner ist Kompost: Das Ziel ist es, Nahrungsmittelabfälle im Stadtgebiet bestmöglich in Kompost umzuwandeln, der anschließend in Stadtgartenprojekten zum Einsatz kommt. Nicht übel. Seine Aufgabe wird es sein – wird, denn das Ganze läuft erst an –, sich mit klagelustigen AnwohnerInnen auseinanderzusetzen, die der Gestank stört. Dem sehe er freudig entgegen. Einen Kompost anzulegen ist übrigens ganz im Sinne der Permakultur, die zu ihren Prinzipien zählt, keinen Müll zu produzieren. Was zu Kompost wird, ist kein Müll.

(Ich habe indes nicht eingelöst, was ich an anderer angekündigt hatte: über Permakultur zu schreiben. Ich spanne euch hiermit noch weiter auf die lange Folter: ich hole es nicht jetzt nach, aber bald!)

René Dumont

Indes hatte ich die Zeit, einen Klassiker der französischen Ökoliteratur zu Ende zu lesen – erstanden hatte ich das Buch während eines Zwischenstopps meiner Wanderung in Lunéville, als wäre mein Gepäck nicht schon schwer genug gewesen: L’utopie où la mort – Utopie oder Tod, erstmals erschienen 1973. Der Autor René Dumont ist eine interessante Figur, ein Agrarwissenschaftler, Sozialist, der in französischen Kolonien unterwegs war – zum Zeitpunkt seiner Aufenthalte waren es noch Kolonien –,die größte Zeit seiner Karriere für eine Revolutionierung der Landwirtschaft weltweit eingetreten ist, Beratertätigkeiten für die Regierung nachging, später aber eine geistige Wende vollzogen hat, die vor allem durch den 1972 erschienenen Bericht The Limits of Growth – Die Grenzen des Wachstums – des Club of Rome ausgelöst wurde. In seiner Streitschrift geht er hart mit der Green Revolution, die nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit für eine Industrialisierung der Landwirtschaft sorgte, ins Gericht. Diese sei weit dahinter her, in der Dritten Welt die versprochenen Erträge zu erzeugen. Er spricht über Ressourcenknappheit; über globale Ausbeutungsverhältnisse – seine Erfahrungen in den Kolonien haben stark dazu beigetragen (seinen Frantz Fanon scheint er gelesen zu haben, denn mehrmals taucht kursiv ein Ausdruck auf, der diesem als Buchtitel gedient hat: les condamnés de la terre – die Verdammten dieser Erde, ein Klassiker der Literatur zum Thema Postkolonialismus) –, die sich unter anderem darin äußern, dass der globale Norden die Ressourcen des globalen Südens plündert, die letzterer bräuchte, um Anschluss an die Industriegesellschaften zu finden; über Bevölkerungswachstum, in dem er die größte Bedrohung sieht; über die Entstehung von Megapolen, die eine menschenunwürdige Lebensumgebung darstellen; über Konsum. Er stellt das dem Sozialismus eigene Produktivitätsideal in Frage: Es könne nicht länger darum gehen, jedem das zu geben, was er braucht, ohne die Frage zu stellen, ob dieser und jener Bedarf vor dem Hintergrund einer sich anbahnenden globalen Katastrophe („[Nous] fonçons à toute allure dans le brouillard vers un mur de ciment“ – „Wir rasen mit vollem Tempo im Nebel gegen eine Wand aus Zement“) zu rechtfertigen ist. Ein nicht in Frage zu stellender Bedarf ist der nach Nahrungsmittelsicherheit in der ganzen Welt. Nahrung, Kleidung, Bildung, Wohnen – darauf habe jede*r ein Anrecht, Privatfahrzeuge gehören definitiv nicht dazu. Nach einem Analyseteil stellt er auch Vorschläge für Interventionen vor, nicht ohne einzuräumen, dass so einiges skizzenhaft bleibt, aber man müsse ja was anbieten, auf dass andere weiter daran tüfteln. Was mir im Kopf geblieben ist: Es brauche eine internationale Organisation, die den Ressourcenmarkt regelt und dafür sorgt, dass Ressourcen gerecht verteilt werden; es brauche Programme zur Begrenzung der Weltbevölkerung; die Welt müsse sich vers les socialismes – in Richtung der Sozialismen – entwickeln, ein in der deutschen Übersetzung merkwürdig anmutender Plural, der darauf verweist, dass es eben nicht einen Sozialismus gibt, der gleichermaßen überall tauglich ist, es brauche regional angepasste Varianten, ohne dass er allerdings darüber weiter ins Detail geht; es brauche perspektivisch ein Verbot des individuellen Personenverkehrs.

René Dumont war der erste ökologische Präsidentschaftskandidat in Frankreich. Die Niederlage bei der Wahl 1974 war allerdings eindeutig: Etwas um die 2 Prozent konnte er erringen. Mit einem Programm, das fordert, dem Wirtschaftswachstum Einhalt zu gebieten, war in einem Frankreich, in dem der Konsumismus in volle Fahrt gekommen war, keine Wahl zu gewinnen.

In einem Büchlein mit dem Titel All you need is less schreibt Nico Paech, einer der beiden Autoren, an einer Stelle: „Hätten jene, die sich seinerzeit am Startpunkt eines ‚grünen‘ Aufbruchs wähnten, erahnen können, welche Exzesse an ökologisch rücksichtslosen Handlungsroutinen noch bevorstehen […], sie hätten die seinerzeit gebräuchlichen Dramatisierungen wie ‚Wegwerfgesellschaft‘, ‚Wohlstandsfalle‘, ‚Konsumterror‘ und Buchtitel wie Homo consumens oder Ein Planet wird geplündert für später aufgespart, um ihr rhetorisches Pulver nicht vorzeitig zu verschießen.“ In diese Aufzählung fügt sich wohl auch L’utopie où la mort ein.

Schulden

Einige Bewohner*innen des Centre erwiesen sich indes als Liebhaber*innen anspruchsvoller Zeitungslektüre. Eine Ausgabe der Monde diplomatique lungerte im Gemeinschaftssaal herum und kündete von einer Sonderausgabe in Magazin-Form. Titel: Faut-il payer la dette ? – Muss man Schulden zurückzahlen? –, die ich inzwischen erstanden habe. Ich möchte dafür Werbung machen, in der Hoffnung, dass nicht nur Le Monde diplomatique selbst in verschiedenen Sprachen erscheint, sondern auch seine Magazine. Wer seinen Werkzeugkasten der fundierten Kapitalismus-Kritik erweitern will, der sollte sich – wie ich nach der Lektüre eines Großteils des Hefts finde – mit Schulden auskennen. Gleiches gilt für jene, die im Postkolonialismus-Diskurs sicherer im Sattel sitzen wollen, denn Schulden spielen eine wichtige Rolle dabei, sogenannte Entwicklungsländer im Würgegriff von Industriegesellschaften zu halten. Wie Schuldsysteme überhaupt funktionieren und was der Internationale Währungsfond (IWF) so treibt, habe ich erst jetzt begriffen. Man lernt darüber hinaus, was Schulden mit Raubbau an der Natur zu tun haben. Und so einiges mehr, was mir vorher völlig unklar war und ein absolutes Muss ist, wenn es darum geht, zu begreifen, in was für einer Welt man eigentlich lebt. Ich kann mich nicht erinnern, auf so wenigen Seiten schon mal so viele mein Weltbild vervollständigende Informationen gefunden zu haben.

Zum Abschluss noch einige Textstellen aus Dumonts L’utopie où la mort, gleichwohl einige der präsentierten Fakten inzwischen eine Revision erfahren haben mögen. Hervorhebungen im Original:

„Buchstäblich unverantwortlich wären diejenigen, die darauf bestünden, die Schlussfolgerungen des Club of Rome, die mir unwiderlegbar scheinen, zu ignorieren: ein exponentielles Wachstum der Population und der Industrie kann nicht unbegrenzt und nicht mehr für lange Zeit fortdauern in einer begrenzten Welt.

„[…] jedes Mal wenn man […] eine Kalorie pflanzlichen Ursprungs durch eine tierischen Ursprungs ersetzt – Schweinekotelettes anstelle der Kartoffel – braucht es ungefähr 7 pflanzliche Kalorien um eine tierische zu produzieren. Nach amerikanischem Standard würde die landwirtschaftliche Produktion nicht erlauben, eine Millarde Menschen zu ernähren! Die industrielle Produktion würde nur für 600 Millionen Bürger*innen der USA reichen.“

„[…] das Gesetz des Profits zog, bis in die letzten Jahre, die Rettung des Planeten nicht in Betracht.“

„Der erste Widerspruch scheint sich mir eher zwischen den modernen Arbeiter*innen, die die ländlichen Massen darstellen, die Bewohner*innen der Elendsviertel und andere Arbeitslose und verelendete Unter-Beschäftigte der dominierten Länder [Länder des globalen Südens, fgthw] auf der einen Seite, und all denjenigen, die sie ausbeuten auf der anderen Seite aufzutun: eingeschlossen der wohlhabenden Arbeiter*innen der reichsten Länder, diejenigen, die in großen Fahrzeugen von Toronto nach New York fahren, von Chicago nach Los Angeles … und in Paris. Schon vor einem Jahrhundert unterstrich Engels, dass die englischen Arbeiter*innen vom britischen Kolonialismus profitierten. Die zwiespältige Stellung unserer Arbeiterklasse in Westeuropa hindert sie daran, sich voll und ganz gegen die offen liegenden weltweiten Ungerechtigkeiten einzusetzen, weil auch sie davon profitiert.“

„Von einem globalen Blickwinkel betrachtet geht es nicht länger darum, ist es nicht länger möglich, jedem und jeder alles zu geben, was er oder sie begehren kann – oder vielmehr, was die Konditionierung der gegenwärtigen Gesellschaft sie begehren macht – sondern was genügt, um ihm oder ihr zu erlauben, vollständig zu leben [vivre pleinement], was viel weniger ergibt.“

Zu Fuß in Richtung Norden

Vorgenommen hatte ich mir eine Wanderung von Sainte-Marie-aux-Mines bis nach Montmédy. Auf direktestem Wege sind das ungefähr 220 km – das spuckt googlemaps aus, wenn man die beiden Orte eintippt. Diese – oder eher etwas mehr, denn den direktesten Weg würde ich schließlich nicht gehen – galt es, in etwa 10 Tagen zurückzulegen. Erstes Etappenziel war ein Örtchen in der Nähe vom Col du Hantz (Col ist der tiefste Punkt zwischen zwei Anhöhen), denn dort wollte ich Cornel treffen, der mich zu sich eingeladen hatte. Diesen Herrn hatte ich bei Robert kennengelernt. An einem Abend etwa eine Woche zuvor hatte er eine Freundin samt ihres Freundes eingeladen und diese Freundin war bekannt mit Cornel, der auch dabei sein durfte. Er ist Mitte 70, viel mit seinem Wohnwagen in Europa unterwegs, Geograph in Rente, rumänischen Ursprungs und seit einigen Jahren französischer Staatsbürger. Cornel bot mir an diesem Abend an, bei ihm vorbeizuschauen und mich vielleicht sogar ein Stück auf meinem Weg zu begleiten. Das würde ich machen, beschlossenen Sache.

Den ersten Abschnitt meiner Wanderung in Richtung französisch-belgischer Grenze legte ich nicht allein zurück. Die letzte Woche bei Robert hatte ich François als Co-Wwoofer, in den Vogesen zu Hause und seines Zeichens begeisterter Wanderer. Schon vor meinem Aufbruch hatten wir Gelegenheit, die Umgebung zu erkunden und den nächstgelegenen Gipfel zu erklimmen. Ich habe mich also schon mal körperlich an die vor mir liegende Herausforderung vorbereitet. François war mit einer Wanderkarte ausgestattet und der passenden Applikation auf seinem Telefon, es konnte also nicht viel schief gehen. Nach einem Ausflug auf den Markt von Sainte-Marie-aux-Mines, wo auch Robert sein Obst und Gemüse verkauft, wir uns von ihm verabschiedeten und wo ich mein Proviant kaufen konnte, ging es los – hinein in den Wald.

François machte am Nachmittag kehrt, um noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder dort anzukommen, von wo wir gemeinsam aufgebrochen waren. Seine Wanderkarte, die genau bis zum Col du Hantz reichte, überließ er mir. Von da an also war ich allein, umgeben von Stille, dem Duft von Nadellaub, bei allerbestem Wetter. Ich habe es an dem Tag nicht bis zu Cornel geschafft. Mein Zelt durfte ich ein erstes Mal oben auf einem Hügel aufbauen, auf einem Felsplateau mit bestem Blick auf den Sonnenauf- und Untergang. Am späten Nachmittag des nächsten Tages kam ich bei Cornel an.

Cornel

Cornel holte mich vor dem Haus einer kleinen Assoziation von Künstler*innen des pittoresken Dorfes ab, in dem er sich angesiedelt hat. Diese Assoziation veranstaltet Konzerte und organisiert eine Kunst-Ausstellung im Freien in unmittelbaren Nachbarschaft des Dorfes, beginnend im Wald. Er bot mir an, eine der möglichen Touren mit mir zu machen. Das machte allerdings die Entscheidung nötig, eine Nacht bei ihm zu bleiben. Warum nicht, ich war nicht in Eile, genoss den Gedanken an den Komfort einer Dusche und eines warmen Bettes und die Ausstellung klang ja tatsächlich ganz spannend. Wir waren gute drei Stunden unterwegs, was meinen Hüften zu schaffen machte, was mir wiederum zu denken gab. Nach anderthalb Tagen tun mir schon die Hüften weh. Es lag aber eher daran, dass Cornel ein ziemlich flottes Tempo vorgegeben hat.

Immer wieder tauchten bei unserem Spaziergang lustige Gegenstände am Wegesrand auf, die sich in die Waldlandschaft einfügen. An einen überlebensgroßen aus Holz geschnitzten amerikanischen Ureinwohner erinnere ich mich. Schönes Konzept. Wie oft war ich in Kunstausstellungen und habe mir danach sagen müssen, dass ich nichts mitgenommen habe. Wenn einem hier nichts zusagte, hat man einen schönen Spaziergang durch den Wald, an einem Bächlein vorbei und über Wiesen gemacht.

Auf dem Rückweg machten wir bei einem Nachbarn halt, der seinerseits Wwoofer*innen bei sich aufnimmt und auch gerade eine Wwooferin da hatte. Auch sie befand sich mitten in einem Sabbatjahr, das sie mit Wwoofing füllte und auch sie war lustigerweise schon bei Robert in den Jardins de la Fourmi zu Gast – und hatte es da nicht länger als 4 Tage ausgehalten. An der Gastfreundschaft und Großzügigkeit Roberts hatte sie nichts auszusetzen, aber ihr war das dann doch alles etwas zu verdrogt, was sie da in seinem Freundeskreis beobachtet hat.

Cornel hat lustige Sachen in seinem Leben gemacht: Wanderungen von einem Ende ans andere in Rumänien, studiert, bis er 30 war; eine ganze Weile hat er das Funktionieren einer Versuchs-Windkraftanlage sichergestellt: Ziemlich zurückgezogen in den Bergen lebte er in einem Häuschen gleich neben der Anlage. Wenn es regnete, gab es in seinem Häuschen Erscheinungen, die einer Aurora Borealis gleichkamen. Irre. Im Winter wurde seine Versorgung sichergestellt von einem wackeren Trupp von Leuten, der Schlitten mit Proviant den Berg hochzog. In der Sahara hatte er auch ein Projekt. Von beidem hat er uns – mir und der Wwooferin von nebenan – Bilder gezeigt (nicht von der Aurora Borealis, die mussten wir ihm so abkaufen). Und seitdem er 60 ist, ist er in Rente und baut an dem Haus herum, das er sich gekauft hat. Das muss am Anfang eine ganz schöne Bruchbude gewesen sein. Das handwerkliche Geschick zu dessen Aufhübschung hat er sich über die Zeit angeeignet. Zu seinem Häuschen gehört auch einiges an Grünfläche und verschiedene kleine Schuppen, von denen er sich einen zur Sauna umgebaut hat. Außerdem eine Hütte, in der seine Gäste schlafen. Dazwischen gibt es dann so einige künstlerische Versuche seinerseits, Installationen aus Metall, Mobiles aus Töpfen und Pfannen. Eine winzige Rente hat der Herr, aber er hat sich eine wunderbare Lebensumgebung geschaffen, in Naturnähe und Nähe zu erwähnter Assoziation, in der auch er in der einen oder anderen Sache umtriebig ist. Und für Reisen mit seinem Wohnwagen reicht es bei ihm erstaunlicher Weise auch noch. Eine Europareise hatte er gerade hinter sich. Und wenn er nicht reist, ist es ihm ein großes Vergnügen, seine Bekanntschaften aus aller Welt bei sich aufzunehmen, gerne auch flüchtige wie mich.

Von ihm mit einer Karte der Umgebung und einem Kompass ausgestattet ging es am nächsten Tag weiter. Ende dieser Etappe war ein See: Pierre Percée. Meine Badehose hatte ich im Gepäck, einer Erfrischung stand nichts im Weg.

Mir war bei meinem Aufbruch gar nicht bewusst, dass ich mich unentwegt entlang von Frontverläufen des Ersten Weltkrieges bewegen würde. Ich kam an allerlei Zeugnissen des Kriegsgeschehens vorbei: Bunkeranlagen, Gräben auf Anhöhen mitten im Wald und gewaltigen Bombentrichtern, die von Minen herrührten, die die Deutschen unter den französischen Schützengräben – bis dorthin hatten sie sich vorgegraben – haben hochgehen lassen und ein ganzes Regiment verschwinden ließen.

Paulette

Bei meiner Ankunft in Cirey-sur-Vezouze muss es schon nach 19 Uhr gewesen sein, denn es dämmerte schon langsam. Ich hatte nichts mehr zu essen also war die Hoffnung groß, dass es in diesem verlorenen Örtchen – immerhin aber schon groß genug, um sich Stadt zu nennen – doch noch irgendetwas geöffnet sein möge. Der erste Mensch, dem ich auf der Straße begegnete, war eine Dame um die 80, und die fragte ich dann auch gleich, wo ich was zu essen finde. Sie wies mir den Weg zum zentralen Platz und bot mir im Zuge eines kleinen Plauschs, der sich anschloss, an, mein Zelt in ihrem Garten zu errichten. Da sagte ich nicht nein. Ich stellte also meinen Rucksack in ihrem Garten ab und ging erstmal auf Nahrungssuche.

Das einzige, was offen war, war ein Imbiss-Wagen, der einsam und verlassen auf dem Platz stand und auf Kundschaft harrte. Das Wetter war nicht ideal. Da ich der einzige Kunde war, gab es die Gelegenheit, mit der Betreiberin, die ihren Sohnemann als Gehilfen dabei hatte, ein wenig zu plaudern, von meiner Wanderung zu erzählen und wo es hingehe. Von ihr erfuhr ich, dass ein Wetterumschwung bevorstand. Ach, Nancy, ja da sei sie am Wochenende auch, da gebe es einen kleinen Öko-Markt mit Produzenten aus der Umgebung und Ausstellern aller Art. Da hatte ich dann also ein konkretes Ziel in Nancy. Zu wissen, dass man bald wieder auf ein bekanntes Gesicht stößt, tut doch ganz wohl, wenn man ganz allein unterwegs ist. Gerade an diesem Tag hatte ich lange den Eindruck, dass es mal wieder Zeit wäre, mit irgendwem zu tun zu haben, nachdem ich die vorangegangenen beiden Tage fast keinen Kontakt zu niemandem hatte. Cirey-sur-Vezouze hatte mir zwei nette Begegnungen beschert und darüber die Aussicht auf eine weitere in nicht zu ferner Zukunft.

An diesem Abend sollte es das erste Mal regnen, mein Zelt stellte ich bei gemächlichem Regen auf.

Am nächsten Morgen, schon bereit aufzubrechen, öffnete die Dame, in deren Garten ich die Nacht verbrachte, ihr Fenster in der ersten Etage. Und so kam es, dass ich noch zu einem Kaffee eingeladen wurde und darüber hinaus auch in den Genuss einer Dusche kam. Paulette – so stellte sie sich mir dann vor – gestand mir – sie nannte es ein Geständnis –, dass sie schon ein wenig Angst hatte am Abend zuvor bei dem Gedanken daran, wen sie da zu sich eingeladen hat. Das war ihr schrecklich unangenehm, denn jetzt, wo sie sich sicher war, dass ich kein übler Gauner war, machte sie sich schreckliche Vorwürfe, dass sie mich da im Zelt hat schlafen lassen. Mehrmals war sie den Tränen nahe. Gleichzeitig war sie aber froh, einem Wanderer geholfen zu haben – das hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie mal in eine solche Situation kommt, in der sie einem Menschen auf solche Weise zu Hilfe zu kommen. Die Gute hat ziemlich dick aufgetragen. Da war eine ganze Portion ihrer christlichen Ethik mit im Spiel. Der liebe Herrgott war ihr ziemlich wichtig und mir empfahl sie auch, in der Not mal ein Gebet loszuwerden, das verschaffe Sicherheit. Die gute Dame war traurig, dass ich gehen würde. Emotional war in der kurzen Zeit einiges in ihr los. Zum Schluss wurde ich noch mit Schokolade und Keksen ausgestattet und mir ein „Merde, merde, merde“ – das sage man in ihrer Region so, um jemandem Glück zu wünschen – mit auf den Weg gegeben. Ich habe ihre Adresse notiert, damit ich ihr von meinem Zielort aus eine Postkarte senden kann. Da freut sie sich.

Es begann der letzte Tag, an dem das Wetter mitspielte und zu reichlich Zwischenhalten für Lektüre einlud. Am Tag darauf regnete es. Nicht besonders stark, aber von allen Seiten und ununterbrochen. Der Wind machte die Angelegenheit tödlich. Dem war ich nicht selten völlig ungeschützt von allen Seiten ausgesetzt, denn die Landschaft war längst nicht mehr waldig. Ungeschützt auch ob mangelhafter Kleidung: Eine wasserdichte Jacke hatte ich nicht, nur so ein Ding, das im Grunde ein Plastiksack mit Kapuze und Ärmeln ist. Ein bitterer Tag. Ein Scheißtag. Ich hätte meinen Wanderstock wegschmeißen und meine Hände tief in meinen Hosentaschen vergraben sollen. Meine Hände waren ab einem bestimmten Punkt kaum noch für etwas zu gebrauchen: Mein Taschenmesser aufklappen, um mir Brot- und Käsescheiben zu schneiden? Ging nicht mit diesen Eisklötzen! Ging dann doch, nachdem ich sie mir für 10 Minuten unter die Achseln geschoben hatte. Verhungern musste ich also nicht. Und zwischendurch gab es diesen fürchterlichen Schmerz in meiner linken Pobacke, der mich irgendwann zum Anhalten zwang.

In Lunéville kam ich mit völlig durchweichten Schuhen und halb zerfetztem Plastiksack an. Das war am Nachmittag, als die Schulen der Stadt ihre Schüler*innen ausspuckten. Von denen erntete ich einiges an hämischen Blicken. In Lunéville richtete ich mich für zwei Tage auf einem Campingplatz ein. Das Wetter lud nicht dazu ein, weiterzulaufen und meine Füße wollte ich auch etwas schonen. Außerdem musste ich meine Schuhe trocken kriegen. Von einem deutschen Camper-Pärchen bekam ich Nähzeug, um einen ziemlich peinlichen Riss in meiner langer Hose zu nähen, den ich mir bei Kniebeuge-Machen zugezogen hatte. Lunéville ist ziemlich schnucklig mit seinem kleinen Versailles, gleich neben dem Campingplatz und mitten im Stadtinneren gelegen. Einen Tag verbrachte ich zu großen Teilen lesend im Zelt, während es draußen prasselte. Ansonsten zwei Kinobesuche, Kuchen und Spaziergänge.

Dann musste ich aber wirklich weiter, Wetter hin, Wetter her, ich wollte schließlich irgendwann am Ziel ankommen. Es regnete unentwegt und die Kapuze meiner umgewickelten Lumpentüte war nicht mehr zu gebrauchen. Mein Kapuzenpulli reichte aber aus. Der Wind kehrte immerhin erst am Abend in all seiner Grausamkeit zurück, nachdem ich mein Zelt aufgestellt hatte. Oder doch leider erst dann, denn hätte er schon früher geblasen, hätte ich mir einen anderen Ort ausgesucht. Mein Zelt wurde von allen Seiten attackiert. Der Eingang erwies sich als nicht völlig wasserdicht. Immer wieder musste ich barfuß in die Nässe und Kälte, um irgendetwas am Zelt zurechtzurücken, damit es wenigstens etwas von der Feuchtigkeit verschont bleibt. In meinem Schlafsack war es bis zum Morgen immerhin noch trocken, aber im Laufe des Vormittags, den ich solange im Zelt verbringen wollte, bis es vielleicht mal aufhört, zu regnen, kam es zur Bildung von Pfützen, die alles in Mitleidenschaft zogen. Der elendste Moment meiner Reise. Alles nass. Es ist kalt. Was habe ich geflucht. Es half nichts, ich musste mich bewegen. Also bin ich mit großer Überwindung in meine nassen Socken geschlüpft, in die noch nasseren Schuhe und habe mein Zelt abgebaut. Auf nach Nancy, weit war es nicht mehr.

Sylvie

Wenn man erst mal in Bewegung ist, ist die Welt nur noch halb so schlimm.

Gegen Mittag fand ich mich auf dem kleinen Jahrmarkt ein, von dem ich in Cirey-sur-Vezouze erfahren hatte. Das war am Morgen eine nicht zu unterschätzende Motivation gewesen, mich auf den Weg zu machen. Ich fand dort schnell den mir bekannten Imbiss-Wagen und wurde auch sofort wiedererkannt. Für meine Leistung bekam ich einen Becher mit Kürbissuppe geschenkt. Perfekt. Und dann habe ich mir angeschaut, was es sonst noch gab.

Mein Wandereroutfit lud natürlich zum Plaudern ein. Am ersten Stand, an dem ich Süßigkeiten erstand, wurde ich denn schließlich gefragt, wo ich die Nacht verbringe. Das wusste ich noch nicht, aber ich werde schon irgendein Hostel finden. Aber die Dame am Stand wurde sofort rührig und begab sich zum Nachbarstand, da, wo eine Handvoll Leute ihr kleines Projekt eines selbstorganisierten Öko-Supermarktes präsentierten und nach neuen MitstreiterInnen suchten. Die grauhaarige Dame, die daraufhin ihr Handy zückte, bat ich, es wieder einzustecken, das sei ja nett, aber die Mühe, ein Hostel zu mich zu finden, müssen nun wirklich nicht andere Leute für mich machen. Das war aber gar nicht ihre Absicht. Es ging um Nummerntausch, denn die Gute hatte einen Platz für mich im Bett des nur hin und wieder bewohnten Kinderzimmers in ihrer Wohnung. Das mache sie wohl häufig, spontan irgendwelche Leute bei sich unterbringen. Ob die dann auch so gänzlich unbekannt sind wie ich kann ich mir aber schwer vorstellen. Und so sollte ich also zwei Nächte in der Wohnung von Sylvie verbringen. Welch glückliche Fügung. Und welch ein Beispiel an Gastfreundschaft.

Den Nachmittag musste ich noch mit nassen Füßen verbringen, denn Sylvie hatte noch eine Verabredung mit ihren Eltern. Am Abend die endgültige Erlösung von all meinem Leidwesen. Suppe gab es auch noch.

Einen ganzen Tag blieb ich dann noch in Nancy, genug, um mich mit einer Karte für den verbleibenden Abschnitt auszustatten (es würde bis nach Metz gehen, nicht weiter, denn erstens würde ich mich doch zu sehr verspäten, wenn ich noch weiter laufen würde und außerdem gab es dann auch keine vielversprechenden Wanderwege mehr), mit Wetterkleidung sowie Wandersocken, um der Abnutzung meiner Füße nicht weiter Vorschub zu leisten. Kuchen gab es natürlich auch. Sightseeing war am Nachmittag des Tages zuvor schon weitgehend abgehakt. Schöne Stadt, Nancy, ein prächtiger zentraler Platz mit einem temporären Garten (den gibt es jedes Jahr zwei Monate lang), mittelalterlichen Toren, Cafés, Restaurants und art nouveau, was dem Jugendstil entspricht. Von einer gewissen Dynamik in der Stadt in Richtung ökologischer Transition habe ich mich auf dem erwähnten Jahrmarkt überzeugen können. Nancy hat zum Beispiel eine Lokalwährung, den Florin. Am späten Abend des Tages vor der Fortsetzung meiner Wanderung bot mir Sylvie noch eine kleine Tour mit ihrem Auto zu den Straßenzügen an, die nahezu vollständig im Stil der art nouveau errichtet wurden. Zum Abschluss noch die krasseste art-nouveau-Villa, die die Stadt zu bieten hat. Wer Jugendstil mag, wird an Nancy Gefallen finden.

Am nächsten Morgen wurde ich zum Bahnhof gefahren, wo kurz nach neun mein Zug nach Liverdun ging. Alternativ hätte ich einen riesigen Bogen laufen müssen, um auf meinen Wanderweg nach Metz zu kommen. Ich habe also minimal geschummelt.

Von Liverdun – kleines, ruhiges, mittelalterliches Städchen – sollte es dann weiter in Richtung Norden gehen. Da ich aber den Moment verpasst habe, wo der Weg sich teilt (ich hatte nicht im Kopf, dass er es tut), bin ich den halben Tag in die falsche Richtung gelaufen. Entsetzen, als ich das Ortseingangsschild von Toul sah. Große Frustration. Da wollte ich nicht hin. Also den ganzen Weg zurück. Und da ich wenigstens dort ankommen wollte, wo ich am Morgen angefangen hatte, schnellen Schritts. Ich fand mich bei Einbruch der Nacht im Wald leicht nördlich von Liverdun wieder, weil ich zu wählerisch in der Wahl meines Nachtlagers war. An diesem Tag muss ich zwischen 35 und 40 Kilometer gelaufen sein.

Trudy

Am nächsten Tag also weiter immer in Richtung Norden. Am Abend kam ich Pont-à-Mousson – Brücke nach Mousson – an. Während das also der Name der Stadt ist, ist Mousson ein Dörfchen, das einer Burg vorgelagert ist. Und dort fand ich mich am Abend wieder. Die Wegmarkierung war an der Stelle etwas rätselhaft, also fragte ich auf gut Glück den ersten Menschen, dem ich begegnete – eine Dame, die gerade ihr Haus verlassen hat –, ob sie sich mit meinem Wanderweg auskenne. Ja, tue sie. Und obendrein könne ich in ihrem Haus die Nacht verbringen. Sie selbst sei Radfahrerin und auch gerne einmal wandernd unterwegs und da ist man gern solidarisch mit Wanderern, die des Weges kommen.

Trudy und ihr Mann François, den ich dann später am Abend auch noch kennenlernen sollte, haben in ihrem Leben irrsinnige Radreisen unternommen. Sie eine von Kanada bis in den Süden Südamerikas, er von der Normandie bis nach Neuseeland (natürlich nicht ohne zwischendurch ins Flugzeug zu steigen, wo es nötig wurde), wo sie sich kennengelernt haben (eine Ewigkeit her), und zuletzt eine gemeinsame von Frankreich nach Zentralasien. Irre. Sie sind in einem Netzwerk von Radfahrer*innen, die sich gegenseitig beherbergen. Ein Wanderer geht dann auch mal klar. Nun, auch dort wurde ich gut mit Essen versorgt, mit einer Dusche und einem warmen Bett.

Zwei Tage waren es noch bis Metz, zwei verregnete. Aber immerhin ohne Wind. Am ersten der beiden hatte ich leider das Pech, an einer Stelle komplett im Kreis zu laufen. Anderthalb Stunden verloren. Aber gut, es war schon schlimmer gekommen. Irgendwann führt der Wanderweg an die Mosel, die durch Metz fließt. Der letzte Abschnitt, den ich an einem Vormittag zurücklegte, war abermals von scheußlichem Wetter begleitet, so wie auch mein Aufenthalt in Metz. Aber das hat mir alles nichts ausgemacht. Am Abend wusste ich mich wieder in Avioth und in größtem Komfort. Für Metz hatte ich fünf Stunden. Schöne Stunden, denn Metz ist chic. Germanique, wie sowohl Sylvie als auch François (der aus Mousson) mir sagten. Tatsächlich ein ganz anderes Stadtbild als Nancy: Die Pracht kommt weniger durch Gold zum Ausdruck als mit Robustheit in der Bauweise. Was für ein Bahnhof. Erinnert an das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Eine der Kirchen der Altstadt an die Gedächtniskirche in Berlin. Gründerstil. Ansonsten sehr grün, sehr guter Falafel (in Frankreich gar nicht so leicht zu finden! Dort gibt es ansonsten nur ganz fürchterlichen Döner – wirklich fürchterlich, nichts als Fleisch und dazu auch noch Fritten mit irgendeiner 08/15-Sauce), sehr guter Kuchen, sehr sehenswerte Kathedrale.

Meine Wanderung war damit nach zwölf statt zehn Tagen zu Ende. Wenn Glück, wie es heißt, aus Kontrasten besteht, dann ist Wandern die sprudelnde Quelle des Glücks. Es entsteht aus dem Wechsel von Entbehrung und Komfort, von Einsamkeit und netten Begegnungen, von Labsal und Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft in Momenten, in denen man nicht damit rechnet und in denen sie gelegener nicht kommen könnten. Welch ein Spaß ist es obendrein, sich in jedem Dorf, durch das man läuft, Apfel- und Birnenbäume zu finden, die entweder frei zugänglich sind oder so freundlich sind, einige ihrer Äste weit genug über die Grundstücke ihrer Besitzer*innen ragen zu lassen, auf dass man sich daran bedienen kann. Was habe ich mir den Bauch vollgeschlagen! Die Natur ist gütig. Das ist der große Vorteil einer Wanderung im September. Der Nachteil: Um acht ist es dunkel und wenn es dann auch noch regnet, gibt es nicht mal Sterne, die man sich vor dem Schlafengehen noch eine Weile anschauen könnte.

Nicht meine letzte Wanderung!

Aktivitäten in den Jardins de la fourmi, eine Exkursion und Abschied

Robert kultiviert Pilze, Shiitake, um genau zu sein. Die wachsen auf Eichenästen, die vierundzwanzig Stunden in Wasser getaucht werden, bevor sie aufgebahrt werden. Robert hat vor einigen Jahren Pilzsporen gekauft. Er erklärte mir, dass ihm kleine Blättchen zugeschickt wurden, die die Sporen enthielten. Diese kamen dann unter Stoffbänder, die um die Äste gewickelt werden. Nach zwei Jahren ist der Pilz im Inneren des Astes hinreichend verwurzelt und verzweigt, dass man den Ast zur Pilzernte verwenden kann. Nach einer Woche sind die Zweige von Pilzen überwuchert.

Freude machte die Kartoffelernte. Mit einem motorisierten Gerät hat Robert die Hügel umgegraben, auf denen die Kartoffelpflanzen gewachsen sind. anschließend hatten wir das Vergnügen, die Bahnen nach verschütteten Kartoffeln zu durchwühlen und sie entweder gleich in einen Eimer zu werfen oder sie an eine Stelle zu werfen, wo sie später eingesammelt werden konnten. Erde durchwühlen ist super.

Das Gewächshaus von Robert ist etwa dreißig Meter lang und voll von Tomaten verschiedener Varietäten: rote, gelbe, runde, konische, grüne mit roter Musterung, riesige, und kleine verschiedener Farben. Neben dem Gewächshaus hatte er ein Feld, auf dem Karotten, Zucchini, Mangold, Radieschen, Bohnen, Kürbisse, Gurken und bestimmt noch einiges mehr wuchs. Freitag war Erntetag. Die Wwoofer*innen wurden am Gewächshaus abgesetzt, in Windeseile erklärte unser Gastgeber, wie was zu ernten war und dann zischte er meistens ab, weil irgendwo irgendetwas anderes zu tun war. Die Nachmittagsaktivität war das Befüllen von kleinen Holzkisten und spielte sich in der Garage seines Hauses in der Stadt ab. Jede Kiste war mit Gemüse im Wert von 15 Euro zu füllen. Wir waren also eine ganze Weile mit wiegen beschäftigt.

Eine große Freude war es, bei der Honigernte dabei zu sein. Zunächst hat Robert in seinem Schutzanzug die Rahmen, in denen die Bienen ihre Waben gebaut haben, aus den Bienenstöcken genommen, die allesamt in dafür vorgesehene Holzkisten geschoben wurden. Damit ging es dann in den Nachbarort in eine Halle, in der wir – zu dem Zeitpunkt drei Wwoofer*innen und Robert – die Waben jedes Rahmens mit einem kammähnlichen metallenen Gerät beidseitig öffneten. Anschließend wurden die Rahmen in eine Zentrifuge eingehängt und wenn sie voll war zentrifugiert. Zwei gigantische Eimer Honig waren das Ergebnis, deren Inhalt später in Roberts Haus in der Stadt gefiltert und schließlich in Gläser abgefüllt wurde. Beim Rahmentransport und insbesondere -öffnen tropfte der Honig überall hin. Es war für alle ein zuckerreiches Vergnügen. Der Imker sollte nach erfolgter Honig-Extraktion die Rahmen sofort wieder in die Bienenkörbe schieben, damit die Bienen in dem, was übrig bleibt, wieder einrichten und noch etwas zu essen finden. Robert war an dem Abend allerdings etwas faul. Das führte dazu, dass sich die Bienenvölker gegenseitig an den Kragen gingen: Auf der Suche nach Nahrung sind sie über die leeren Bienenstöcke der anderen hergefallen. Es war ein schlimmes Gemetzel, dessen Ergebnis die darauffolgenden Tage zu sehen war. Ein von toten Bienenleibern völlig übersäter Boden. Traurig. Robert nannte es selbst einen Anfängerfehler.

Mein schwedischer Co-Wwoofer hat sich einige Tage nach seiner Ankunft auf eine Radtour – das hat er mit seinem Auto bis in die Vogesen transportiert – bis nach Besançon begeben. Waren es zwei oder drei Tage bis zu seiner Ankunft? In jedem Fall wollte er die Rücktour nicht mit dem Fahrrad machen und bat mich, ihn mit seinem Auto abzuholen. Und so kam es dann auch, allerdings nicht, ohne zwei Nächte auf einem Campingplatz in Besançon zu verbringen. Über eine französische Kleinanzeigenseite im Netz habe ich ein Zelt gefunden, das ich in einem Vorort abholte. Damit hatte ich den wichtigsten Ausrüstungsgegenstand für die bevorstehende Wanderung. Wie war es in Besançon? Ganz nett. Mir fällt gerade nicht viel zu der Stadt ein. Eine Festung von Vauban (wichtiger französischer Festungsarchitekt zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten) gab es da. Und auf dem Weg dahin einen kleinen Jahrmarkt mit Öko-Landwirten, -brauern und -bäckern der Region. Da wir kurz vor Schluss ankamen, hat der Bäcker sein Brot verschenkt. Käse gab es auch umsonst. Ansonsten gibt es in der Stadt ein römisches Tor. Mein Eindruck war, dass Besançon zum dort leben eher langweilig ist. Auf dem Rückweg nach Sainte-Marie-aux-Mines gab es noch einen Ausflug zu einem mittelalterlichen Schloss hoch oben auf einem Hügel, das allerdings in Wahrheit so mittelalterlich nicht mehr ist und auf den Wunsch von Wilhelm II in Schuss gebracht wurde, damit dieser da hin und wieder mal einige Nächte verbringen könnte.

Robert stresst seine Umwelt, ich habe es schon geschrieben. Zum Beispiel damit, dass er Leute, die ihm Weg sind, mit wedelnden Händen zur Seite scheucht. Eine Unart. Aber letzten Endes ist es die Entscheidung der Umwelt, ob sie sich stressen lässt oder nicht. Eine wichtige Lektion die ich für mich aus meiner Zeit mit Robert gezogen habe. Da gilt es, an mir zu arbeiten. Warum sollte ich sofort in den gleichen Modus verfallen wie der, der aus dem Zimmer stürmt und die Leute hetzt? Das ist mir am Tag vor meiner Abreise bitter vor die Füße gefallen. Hier, was geschah:

Wie fast jeden Tag fanden wir uns am Abend in Roberts Haus in der Stadt wieder, um einer nach dem anderen unter die Dusche zu springen. Zuvor hatte ich die Gelegenheit, mir einen kleinen Karton zusammenzubasteln, den ich an meine nächste Wwoofing-Station schicken wollte, denn all meinen Krempel würde ich unmöglich die ganze Strecke mit mir herumtragen können. Danach ging ich als erster unter die Dusche. Von Robert wussten wir, dass er am Abend noch zu Leuten aus irgendeiner Assoziation will, mit denen er tagsüber Wein geerntet hatte. Aber zunächst war er eher entspannt. Bis er als letzter die Treppe runterkommt, nachdem er im Bad fertig war: Hopp, hopp, hopp, Beeilung, ich muss los. Ich suche also in Eile mein Zeug zusammen, Portmonee in die Tasche, meine Uhr umzubinden ist keine Zeit, die kommt in den Karton. Vor seinem Wagen dann fällt mir mein Pullover ein, der noch drinnen ist. Also stelle ich den Karton hinter seinem Wagen ab, lasse mir den Schlüssel geben, zurück zum Haus, finde meinen Pullover und zurück zum Parkplatz, wo Robert, um Zeit zu sparen, schon mal ausgeparkt hat, damit ich nur noch reinspringen muss. Auf halber Strecke, etwa 5, 6, 7 Minuten Fahrt zu seiner Hütte stellt er dann die Frage, ob ich an meinen Karton gedacht habe. Was, habt ihr den denn nicht gesehen? Ich habe den doch direkt neben das Auto gestellt! Nein, haben sie nicht. Also zurück zum Parkplatz. Das hat der gute Robert von seinem Stressen, Zeit hat er nicht gewonnen. Der Karton ist noch da, alles gut, und obendrein entdecke ich im halboffenen Karton eine Plastiktüte Schokolinsen, die vorher nicht drin war. Großes Erstaunen, fanden wir alle ganz witzig, wir bedienen uns kräftig während der Fahrt. Ich will nur hoffen, so ich, dass das nicht im Austausch gegen etwas anderes war!

In der Hütte stelle ich später fest, dass meine Uhr fehlt. Also tatsächlich in Austausch gegen etwas anderes. Schönes Symbol immerhin; dafür, dass mit meiner inneren Uhr irgendwas nicht in Ordnung ist – ihr Mechanismus scheint die Macke zu haben, sich dem Rhythmus anderer Uhren anzupassen statt einfach weiter gemächlich vor sich hinzuticken, wie es ihrem Gehäuse am besten täte. Wenn euch die Metapher nicht gefällt, bastelt euch selbst eine zusammen. Und wenn euch Metaphern grundsätzlich nicht gefallen, dann vielleicht ja Palindrome: Reliefpfeiler ist doch zum Beispiel ein ganz nettes. Eins noch: Eine Horde bedrohe nie!

Abend auf dem kahlen Berg und Henni das Schwein

Bei Robert wird nicht darüber verhandelt, wie der Tag oder der Abend gestaltet wird. Wenn er mit Freunden verabredet, am Abend in den Bergen noch ein Gläschen zu trinken, dann steht fest, dass die Wwoofer*innen dabei sind. Der Versuch meines schwedischen Co-Woofers und mir, nach einem an Kartoffelernte reichen Tages Müdigkeit ins Feld zu führen, um in seiner Hütte zu bleiben und Zeit für uns zu gewinnen während er zum nächstgelegenen Gipfel fährt, wurden mit Fassungslosigkeit quittiert. Da war es schwer, zu beharren.

Gegen 19 Uhr dieses besagten an Kartoffelernte reichen Tages ging es also zu dritt in seinem Transporter bergauf. Traditionell, so Robbie, fahre man hier mit einer Flasche Bier in der einen und einem Joint in der anderen. Fanden wir beiden anderen eher bedenklich als lustig. Die Demonstration sollte allerdings noch auf sich warten lassen. Auf halber Strecke, bei einem refuge, begegnete uns ein anderer Transporter, zwei junge Männer im Inneren, zwei auf dem Dach. Kurzes Plaudern: die Leute kommen aus Belgien, sind ein bisschen in Frankreich unterwegs, der eine habe sich aus der Vergangenheit an dieses refuge erinnert, und so sind sie jetzt dort, um die Nacht darin zu verbringen. Sie seien dafür zu haben, später gemeinsam ein Bier zu trinken, wir mögen nur Halt machen bei unserer späteren Fahrt bergab. Man werde zumindest laut vernehmlich Hupen, wenn man auf dem Weg bergab wieder an ihnen vorbeikomme, so Robert. Dort später noch einmal Halt zu machen war ein Gedanke, der uns beiden Wwoofern nicht besonders zusagte.

Diese refuges, kleine Berghütten, die es wohl überall verstreut in den Vogesen gibt, sind ein Ort, an dem jeder wandernde Mensch für die Nacht sein Lager aufschlagen kann. Die Hütten sind offen für alle, es gibt einen beheizbaren Ofen, einige Holzmöbel und verheißen ziemlich großen Komfort für lau. Das Exemplar, an dem wir vorbeigefahren sind, ist noch mal besonders geräumig. Unterhalten werden die Hütten von Waldarbeiter*innen. Wen wundert es, dass junge Leute hier gerne mal Party machen.

Nach 40 Minuten gemächlicher Fahrt auf Waldpisten waren wir oben. Vor uns breitete sich eine Wiese aus, die den Hügel bedeckte, dahinter ein sagenhaftes Bergpanorama, hinter dem, zur rechten, langsam eine orangene Sonne unterging. Bald zu fünft, wurden die Bier- und Weinflaschen geöffnet. Eine ältere Dame mit Hund gesellte sich dann noch dazu, die Freude ihrerseits am Plaudern war groß. Der Hund indes hatte Hummeln im Hintern und Appetit. Mit schlabbernd heraushängender Zunge ist er wild zwischen uns umhergesprungen und hat mit seiner Glocke um den Hals herumgebimmelt, in ständiger Erwartung, dass derjenige, der etwas zu Essen in der Hand hat, was abgebe. Irgendwann ist er wie besengt riesige Achten gerannt. Kauziges Viech. Das war dann der Moment für die Wwoofer, sich ein bisschen zu entfernen, den Tag zu besprechen und zwischendurch die fast völlige Stille zu genießen. Ein Hase hoppelte dann irgendwann auf der Wiese herum. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das der erste gewesen ist, den ich bisher im Leben gesehen habe. Flinke Tiere.

Es war ein Fest. Gut, dass wir dabei waren.

Und dann ging es wieder bergab, als der Himmel fast völlig in Dunkelheit getaucht war. Die zwei Dazugestoßenen nahmen im Laderaum auf der mitgebrachten Matratze Platz. Robert trank Bier am Steuer und rauchte ein Zigarillo. Wir kamen schließlich wieder zu erwähnter Hütte. Robert entschied, anzuhalten. Für ein Bier mit den Leuten. Uff.

Die vier jungen Leute aus Belgien hatten inzwischen vor der Hütte ein Feuer gemacht, ihre Musikboxen und Bierkästen aufgestellt und eine Dartscheibe aufgehängt. Von uns bekam jeder und jede ein Bier in die Hand gedrückt. Kleine Vorstellungsrunde, die uns verriet, dass drei von ihnen Landwirtschaft studieren, der andere irgendeine Art von Ingenieurswesen. Das klang sympathisch, zumal alle das im Geiste einer nötigen Transformation machten. Zwischendurch rüde Saufrituale, die Gebrüll einschlossen. Und schließlich die Einladung, mal auf ihre Dartscheibe zu werfen, die ich bis dahin nur von der Seite gesehen hatte. Ich habe mich dann als Freiwilliger vorgewagt. Die Scheibe war nun allerdings eine auf Saufspiel ausgelegte mit merkwürdigen Feldern. Man versprach uns allerdings, uns von den Harten Strafen zu verschonen – es müsse sich niemand bis auf die Unterhose ausziehen. Na schön, wird schon nicht so schlimm, los geht’s: zwei Würfe ins nichts, der Dritte auf ein Feld, das ein Spiel bestimmt: Ich als Werfer durfte eine Kategorie festlegen, die Umherstehenden schätzen, wie viele Dinge zu dieser Kategorie ihnen einfallen. Wer die größte Zahl sagt, darf aufzählen. Wenn er oder sie es schafft, darf er oder sie bestimmen, wer sein Bierglas mit einem Zug leertrinken muss. Das musste ich an mich ziehen, denn ich wollte nicht derjenige sein, der trinken muss. Klassische Komponisten! Da hatte ich sie – der eine schätzt, er kenne 4, der andere 5, der Mutigste 9 – 20, sage ich. Kinderspiel.

Daran schloss sich eine sehr nette Unterhaltung mit zwei von den Leuten an. Unverzagt gelte es, sich den globalen ökologischen Herausforderungen zu stellen, so verrottet und hoffnungslos auch alles anmuten mag. Auf die Frage, was zu tun sei, um die Ernährung der Weltbevölkerung allein mit biologischer Landwirtschaft sicherzustellen (denn die konventionelle verseucht die Böden und das Grundwasser), meinte einer der beiden, man müsse den Fleischkonsum weltweit reduzieren, für Tierfutter ist dann nur noch begrenzt Platz, das müsse im Bewusstsein aller Menschen ankommen. Beruhigend war zu hören, dass an deren Uni vom Standpunkt einer absolut nötigen ökologischen Transformation aus gelehrt wird – das ist hoffentlich inzwischen an der Mehrzahl agrarwissenschaftlichen Uni-Standorten so. Ich habe mir von den beiden das lange nicht mehr gehörte Kompliment für mein Französisch abgeholt. Das brauchte ich, denn Robert hatte lange Zeit eine Art, mit mir zu reden, die mich glauben lassen wollte – unterstelle ich jedenfalls – dass es damit nicht so weit her war. Ständig hat er mir ohne jede Not einfachstes Vokabular ins Englische übersetzt. Vielleicht war er aber auch einfach nur traurig, einen nicht-Muttersprachler bei sich zu haben, an dem sich kein Englisch erproben ließ.

Gleich am nächsten Tag waren wir – diesmal Robby, die andere Wwooferin und ich – zu Besuch auf la Ferme d’Henni le cochon – die Farm von Henni dem Schwein, benannt nach dem ersten Tier, das die Farm aufgenommen hat, um es vor der Schlachtung zu retten und ihm ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Die Farm ist inzwischen ein Refugium für allerhand Tiere: Gänse, Hühner, Truthähne – meine Favoriten, insbesondere das männliche Exemplar –, Hasen, Ziegen, ein Schaf und bestimmt noch einiges andere, was ich vergessen habe, geworden. Für Jean-Luc, der die Farm vor etwa 5 Jahren gekauft hat, ist der Ort eine Art Therapie. Vor unserem Rundgang erzählte er von seinem Lebens- und Leidensweg, der schließlich zur Gründung der Farm geführt hat: Zwischen 1993 und 2008 war sein Job, zu prüfen, ob in französischen Schlachthäusern Richtlinien eingehalten werden. Bald erwuchs daraus ein Engagement, das über seine vertraglichen Pflichten hinausging und sich unter anderem in seiner Arbeit für das französische Kollektiv L214, das über die unwürdigen Haltungsbedingungen in der industriellen Tierhaltung aufklären will, äußert. Es sind jede Menge Fotos entstanden, die von entsetzlichem Elend in der Massentierhaltung zeugen, von denen wir einige zu sehen bekamen. Über die Jahre hat ihn das krank gemacht, so krank, dass er lange Zeit in Psychiatrien verbringen musste – aus seiner Sicht Gefängnisse, die in Nichts den Anschein erwecken, die Leute heilen zu wollen. Er wurde mit Medikamenten vollgepumpt – das war alles. Auf die Psychiatrie-Aufenthalte folgte die zweijährige Phase der Abgewöhnung von den Drogen, die man ihm verabreicht hat. Und jetzt versucht er seinen Frieden zu finden, indem er fernab von städtischem Lärm Tieren ein artgerechtes Leben zu bieten und interessierte Gruppen einlädt, die Farm zu besuchen und mit den Tieren in Kontakt zu kommen. Er betreibt weiterhin Aufklärungsarbeit und nimmt an Konferenzen teil. Es nimmt wenig Wunder, dass der Herr konsequenter Veganer ist.

Nach seiner Präsentation über sein Leben und die haltlosen Zustände in der Fleischproduktion und der tierischer Produkte im Allgemeinen – auch dem Verspeisen von Frühstückseiern gehen das Schreddern von Hühnern voraus – sowie miesen Werbetricks (la vache qui rit ist dabei wohl ein besonders prominentes Beispiel, wie Bilder von fröhlicher Tierhaltung erzeugt werden, um Konsument*innen hinters Licht zu führen; Jean-Luc hält es für wahrscheinlich, dass die Kühe eher wenig zu lachen haben, bevor aus ihrer Milch Frischkäse wird). Anschließend hatten wir unseren Spaß beim Streicheln und Füttern der zwei gigantischen Schweine. Und des Truthahn! Was für ein Fabeltier. Und alle meine schönen Bilder sind futsch, weil ich mir zu viel Zeit mit dem Updaten meines Telefons gelassen habe. Systemabsturz. Das Gerät musste ich reinitialisieren. Aber la Ferme d’Henni gibt es auch auf facebook, wenn ihr die Tiere sehen wollt.

***

Ich begebe mich auf eine 10-tägige Wanderung ins Département Meuse. Es gilt, 220km zu Fuß zurückzulegen. Den nächsten Eintrag gibt es erst in zwei Wochen.

Ankunft in den Vogesen – la sobriété heureuse

Wie ich nach meiner Ankunft in Sainte-Marie-aux-Mines in einem langgezogenen Tal der Vogesen gelegen zu meiner Farm finden würde, war zunächst ungewiss. Auf meine Frage danach über Wwoof antwortete mein Gastgeber mir am Tag zuvor, ich solle es bei googlemaps eingeben. Les Jardins de la fourmi – die Gärten der Ameise – waren da aber nicht zu finden. Am Tag meiner Zugfahrt und anschließenden Busfahrt selbst schien er zu beschäftigt, um zu antworten. An der letzten Busstation in Saint-Marie-aux-Mines stieg ich jedenfalls aus und fragte den ersten Menschen, den ich fand, nach dieser Farm. Das half erstmal nicht viel, der Name meines Gastgebers schon mehr, und so wurde ich in eine Richtung geschickt. Am Rande einer Schrebergartenkolonie fragte ich weiter. Der befragte Herr wusste nicht recht Bescheid, wies mir aber trotzdem eine Richtung, die sich als richtig erwies. Den Weg musste ich allerdings nicht laufen, denn am Ende des Gesprächs hielt am Wegesrand der Transporter meines Gastgebers, der mich an meinem Abenteurer-Outfit erkannt hatte. So fand das Irren ein Ende.

Der erste Abend machte schnell klar, in welchem Kontrast mein Aufenthalt in den Vogesen sich zu dem in Avioth gestalten würde: Wurde hier einiges an Bier und Marihuana konsumiert und war Dubstep der vorherrschende Musikgeschmack, waren es dort völlige Abstinenz und die Abwesenheit aller Art von Rauschmitteln (aus Rücksicht auf Leute, die unter Abhängigkeiten litten) und hin und wieder mal ein Mozart, der auf meine Initiative hin aufgelegt wurde. Einer der Wwoofer*innen, der zu meiner Ankunft gerade da waren, war sichtbar hoffnungslos in den Marihuana-Sumpf gerutscht. Ich habe mir mal sagen lassen, dass solche Leute besonders geneigt sind, sich allen erdenklichen Phantasien zu Verschwörungsnetzwerken hinzugeben. Das war dann nun also meine erste Begegnung mit jemandem, der vor Chemtrails warnt. Darüber hinaus gibt es eine Maschine, die mehr Energie produziert, als man ihr zuführt. Und einen hypereffizienter Motor in Japan, der nur dort verwendet wird und überall sonst verboten ist, weil Lobbygruppen da so wollen. In Russland gab es im letzten Jahr ein Reaktorunglück, das 4 mal so gravierend war wie Tschernobyl. Und ich habe die Freude, euch allen EarthWake mit auf den Weg zu geben. Was war das noch gleich? Auch irgendeine Wundermaschine. An euch, es zu recherchieren. Ich mache in der Zeit, in der ich recherchieren könnte, lieber Siesta. Völlig unsympathisch war der Gute deshalb nicht. Er hatte sehr angenehme verspielte Seite.

Robert

Mein Gastgeber ist Gemüsebauer, lang, schlaksig, Mitte 30 und trägt einen zusammengebundenen Pferdeschwanz. In Sainte-Marie-aux-Mines ist das Haus seiner verstorbenen Eltern, wo er einiges an Zeug lagert, wo aber auch seine Bienenstöcke stehen. Etwas in der Höhe gelegen, mit Blick auf das Tal und die Berge auf der anderen Seite, hat er ein Gelände, auf dem auch seine Hütte steht, die er immer weiter ausbaut – ohne Genehmigung. Dort oben spielt sich ein Großteil des Lebens ab: schlafen (zur Auswahl stehen ein fensterloser Raum mit Betten und zwei ausrangierte Campingwagen), essen, Dubstep, Lagerfeuer vor prächtigem Ausblick. Ansonsten gibt es unten im Dorf, gleich neben Sainte-Marie-aux-Mines, ein Kartoffelfeld bei einer Dame, die ihm ein bisschen Platz auf ihrem Grundstück überlassen hat und auf dem Grundstück der Mutter eines Freundes ein Gewächshaus für Tomaten und jede Menge Platz für Zucchini, Bohnen, Kürbisse und dergleichen mehr. Auf dem Grundstück um seine Hütte gibt es an zu erntenden Dingen zur Zeit noch Himbeeren und Pilze.

Ich hatte schon vorher überlegt, ob ich mich nicht vielleicht auf eine längere Wanderung begeben sollte, um nach meinem Aufenthalt in den Vogesen ins Centre zurückzukehren. Die Entscheidung war nach meiner Ankunft schnell gefällt, denn so richtig würde mir das hier nicht gefallen, wie ich mir sagte. Robert entspricht so gar nicht dem Bild, das ich mir nach dem Lesen seines Profils von ihm gemacht habe. Er ist nicht der über alle Maßen enthusiastische, vor Energie und Lebensfreude übersprudelnde Mensch, den ich mir in meinem Kopf zusammengebastelt hatte. Leider ist er gerade sichtbar unzufrieden mit sich, gestresst und stresst auch seine Umwelt. 4 Wwoofer*innen um sich herum wie zu Beginn meiner Zeit bei ihm tragen dazu wahrscheinlich bei. Bei Robert weiß man nie so richtig, was am nächsten Tag passiert, wann was passiert, entsprechend ist es schwer, seinen eigenen Rhythmus zu finden – etwas, woran ich mich sehr gewöhnt hatte. Am Anfang kam es vor, dass Robert in seiner Kammer verschwand, um dort ein Nickerchen zu machen, ohne dass jemand wusste, was danach passiert, er später gestresst aus dem Zimmer stürmte, weil er länger geschlafen hat, als er wollte und aufgeregt in die Hände klatschte, damit alle Leute in die Puschen kommen, man breche sofort auf. Waschzeug dabei nicht vergessen, denn am Ende des Tages geht es ins Haus in der Stadt, wo die Dusche ist. Am Anfang hat der gute Mann so einiges an Aggression in mir erzeugt, nicht nur mit seinem Herumstressen (im Französischen gibt es einen netten Ausdruck, den mir Lise auf la Fage beigebracht hat: on pousse pas mémé dans les orties – man schubst das Mütterchen nicht in die Brennnesseln; das passte hier anfangs sehr gut), sondern auch mit seiner Art, zu erklären, wie er etwas gemacht haben wollte. Sorry, aber du musst mir echt nicht erklären, wie man eine Wand streicht. Und dann ist egal, was man macht, erstmal ist alles falsch. Da wünschte ich mir Didier zurück, der auf sehr pädagogische Art den Umgang mit seinen Bohr- und Schleifmaschinen erklärt hat. Kurz: die Eingewöhnungsphase dauerte hier länger als anderswo.

Im Laufe der Zeit wurde es entspannter. Es gab einen Moment, da war ich der einzige anwesende Wwoofer und da bekam ich dann etwas mehr Einblick darin, was in ihm gerade vorgeht. Robert ist gerade sehr gelangweilt von all der Routine. Ständig Wwoofer*innen um sich zu haben war auch nicht immer leicht. Im Sommer hatte er für einige Zeit sieben Wwoofer*innen auf einmal. Und den Verlust seiner Eltern habe er im Grunde nie richtig verarbeitet. Er braucht im Grunde selbst dringend einmal Urlaub, sagt er. Und den wird es bald geben: Anfang Oktober geht es als Wwoofer in die Auvergne, reiten. Finanziell sieht es bei ihm auch nicht rosig aus. Und dann das I-Tüpfelchen: Bestohlen werden auf dem Markt. 400 Euro futsch. Einen Moment hat er sich umgedreht und dann war die Kasse leer. Da hat er seinem Frust etwas Dampf gemacht. Zugleich brannten in Kalifornien die Wälder ab. Das sei viel trauriger, deswegen kann er sich so richtig über seine 400 Eurönchen auch gar nicht aufregen. Der Zustand der Welt sei schlimmer. Und wenn er sich den Wald auf der gegenüberliegenden Seite anschaut, dann kann es auch nicht mehr lange dauern, bis solche Szenen sich auch in den Vogesen abspielen. So trocken habe er ihn noch nie gesehen, den Wald. In seiner Kindheit habe er im Sommer noch in den Bächen gespielt. Die gibt es heute nicht mehr. Schnee im Winter auch nicht.

Pierre Rabhi

Robert ist ein Beispiel für all diejenigen, die den Zustand der Welt ernst nehmen und für sich einen Weg gesucht haben, verantwortungsvoll zu leben. An biologischer Landwirtschaft ist da nichts auszusetzen. Robert hätte auch Chemie zu Ende studieren können.

Eine Koryphäe der französischen Umweltbewegung ist Pierre Rabhi. Dieser ist schon in den Sechzigern aufs Land gezogen, um seine Überzeugungen zu leben, entgegen dem allgemeinen Trend der Flucht vom Land in die Städte, die im Nachkriegsfrankreich an Fahrt aufnahm und mit der Einführung moderner, produktivistischer Methoden der Landwirtschaft Massen von Bauern in die Städte und in die Fabriken trieb. Rabhi suchte nach der sobriété heureuse, der glücklichen Einfachheit, befreit vom Konsumismus und befreit von einem völlig entfremdeten Leben als Fabrikarbeiter. Sein Leben ist der Gegenentwurf zu einem Lebensstil, der sich während der Trente Glorieuses, der dreißig gloriosen Jahre zwischen 1950 und 1980 entwickeln sollte, die Frankreich einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg bescherten; einem Lebensstil, der auf immer weiter gesteigerten Konsum gründete. Die 68-Bewegung in Frankreich ist in seiner Interpretation Ausdruck eines kollektiven Unbehagens der jungen Generation angesichts eines Abdriftens in eine Welt, in der nichts zähle als die Steigerung des materiellen Wohlstands.

Sein Büchlein Vers la sobriété heureuse – der glücklichen Einfachheit entgegen – ist eine Beschreibung seines eigenen Lebensweges verflochten mit Betrachtungen zur Welt, in der wir leben, einer Welt, die sich gegen die Wand fährt ob seiner Profitgier, ob seiner Maßlosigkeit. Er beginnt mit einer Kindheitserinnerung an das saharische Dorf in Algerien, in das er geboren wurde, ein Dorf, in dem sein Vater Schmied war, die Sozialstrukturen funktionierten bis die französischen Kolonialisten die Bewohner des Dorfes zur Arbeit in Kohlemienen anwarben. Es sind Bilder von funktionierenden dörflichem Leben, in die der Kapitalismus noch nicht gedrungen ist, die Rabhi heraufbeschwört, um Alternativen aufzuzeigen – ohne dabei ins Romantisieren zu verfallen, „den edlen Wilden“ wolle er nicht mystifizieren und ihm sei auch völlig klar, dass in solchen Gesellschaften der Frau eine oft wenig erfreuliche Rolle zuteil wird. Dennoch lässt sich schwer leugnen, dass sich Gemeinschaften, in die der Kapitalismus vor 50 Jahren noch nicht eingedrungen war, an Bedarf orientierten und Ressourcen nicht über die Maßen beanspruchen, wie es in westlichen Industriegesellschaften der Fall ist. Es braucht in vorkapitalistischen Gesellschaften keine sozialen Absicherungssysteme, für die sozialen Strukturen braucht es keine Sozialkassen, um für jedes Individuum gebe es einen Platz, für jede und jeden ist gesorgt. Das Eindringen des Kapitalismus in von ihm zuvor verschonte, in am pro-Kopf-Einkommen gemessenen vermeintlich armen Gesellschaften bringe soziale Verwerfungen hervor. Führt man sich vor Augen, dass unsere sozialstaatlichen Systeme auf Wachstum und damit von steigendem Ressourcenverbrauch abhängig sind, tut man gut daran, sich traditionelle Strukturen als Vorbild zu nehmen. Wachstum könne nicht unendlich sein. Die Welt ist endlich. Der Begriff Modernität hat es nicht verdient, als durchweg positiv bewertet zu werden. Mit Sicherheit seien damit auch positive Dinge zu verbinden wie medizinischer und politischer Fortschritt. Modernität und Fortschritt bedeuten für ihm aber vor allem, dass der Mensch sich zu einem gestaltenden Gott erklärt hat, der die Erde zu einer Quelle an auszubeutenden Ressourcen degradiert. Der Mensch werde zum König, unter den die Natur sich unterordnet.

Der Weg aus der Misere sei die freiwillige Selbstbeschränkung, die Befreiung von Überflüssigem. „Die objektive Betrachtung der Fakten macht die Notwendigkeit eines Paradigmas, das den Menschen und die Natur in das Herz unserer Überlegungen rückt, offensichtlich; die Wirtschaft und alle unserer Mittel müssen in deren Dienst gestellt werden“, so Rabhi. Die sobriété heureuse ist eine Abkehr vom Haben-Wollen und eine Zuwendung zur Freude am Sein.

Rabhi macht sich auch über die Erziehung Gedanken, denn es gelte nicht nur, sich zu fragen, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen, sondern auch, welche Kinder unserer Welt. „Was die Welt ‚Erziehung‘ nennt ist eine Maschine, die Soldaten für die Pseudo-Ökonomie produziert, und keine vollendeten Menschen, in der Lage sind, zu denken, zu kritisieren, zu schaffen, ihre Emotionen zu beherrschen und zu steuern […].“ Wettbewerb habe in der Erziehung nichts verloren. Statt dem Kind Freude am Lernen einzuflößen, vermittelt die Schule bereits das Bild, dass die Welt eine Arena ist und erzeugt Angst vorm Versagen (meiner Ansicht nach gilt das für das französische Bildungssystem in besonderem Maß). Dem Kind müsse alles gegeben werden, damit es sich „selbst gebären“, alle seine Potentiale entfalten kann.

Matthieu und Alexandre

Meine beiden Co-Wwoofer vom Centre de Partage befinden sich auf gutem Weg zur sobriété heureuse. Während Matthieu plant, einmal zurück in Schland ein kleines Stück Land zu bewirtschaften, um den Großteil seiner Nahrung selbst zu produzieren und sich darauf ein Häuschen aus Stroh zu errichten, ist Alexandre kürzlich einer Existenz als gutbezahltem Storyboard-Zeichner entflohen. Für Netflix hat er erst in Madrid, dann in Luxemburg gearbeitet. Irgendwann kam dann aber der Moment, wo die Kluft zwischen Überzeugung und Lebensstil zu groß war. Er hat nicht viel Sinn darin gesehen, Unterhaltungsprodukte zu schaffen, die vielleicht, wenn er Glück hat, eine Botschaft transportieren, die ihm zusagt und die vielleicht zu einem Bewusstseinswandel beiträgt, statt im Einklang mit seinem Bewusstsein von den Dingen zu leben. Kunst hin oder her – die Ökosphäre ist wichtiger. Und so hat er schließlich den Job geschmissen, hat sich einen Fahrradanhänger mit all den Dingen, die er zum Leben braucht, gepackt, und hat sich auf die Reise zum Centre de Partage gemacht, wo er auf längere Zeit bleiben will. 5 Jahre, sagt er. Gerade laufen die Verhandlungen um seine Aufnahme als Poteau. Für diejenigen, die sich der nahenden Umweltkatastrophe bewusst sind aber nicht glauben, dass da noch irgendetwas zu machen sei, gibt es, wie ich von Alexandre erfuhr, den Begriff ça-va-pétistes (ça va péter bedeutet es wird knallen – es handelt sich also um diejenigen, die in vollen Zügen das Leben genießen im vollen Bewusstsein, dass es knallen wird). Als solcher hätte er es in Madrid gut aushalten können – da ist Madrid seiner Meinung nach der beste Ort für. Er versucht es jetzt aber lieber mit der sobriété heureuse – und wirkt damit wirklich ziemlich glücklich. Nicht der Hauch von Reue für seine Entscheidung.

Noch einmal Pierre Rabhi

In Rabhis Büchlein liest man auch, dass trauriger Weise finanzielle Mittel nötig sind, um den Lebenswandel in die Einfachheit anzusteuern. Da ist Alexandre ein Beispiel: Der hat eine ganze Weile gut verdient und hat jede Menge auf der hohen Kante. Zu diesen Privilegierten muss natürlich auch ich mich zählen. Meine Ersparnisse machen es mir mein Wwoofing-Abenteuer einfach. Pascal, den ich auf la Fage kennen gelernt habe, fällt mir da auch ein: der fährt jetzt mit seinem gigantischen und sicher arschteuren Campingfahrzeug herum, auf dessen Dach man ein Zelt installieren kann und lebt so die Einfachheit. Oder Maylise, die in New York gut verdient hat und jetzt nur noch herumwandert – ohne Fliegen kommt sie dabei jedoch nicht aus. Oder irgendwelche Ex-Bänker, die sich ein Grundstück gekauft haben, auf dem sie jetzt Permakultur betreiben. Auf youtube bin ich mal auf so einen gestoßen. Das ist ein sehr bitterer Beigeschmack. Wenn all die sozial Benachteiligten erst einmal den sozialen Aufstieg geschafft haben müssen, um die Zeit zu haben, ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln und dieses auch leben zu können, besteht wenig Hoffnung. Wie mit Vielen aus wenig eine lebenswerte Umwelt zu schaffen ist, die sich einem respektvollen Umgang mit der Natur und dem Planeten Erde verschreibt, bleibt für mich die zentrale Fragestellung – und welchen Platz ich dabei einnehmen kann. Robert meint dazu, dass man nur immer aufs Land solle, die anderen kommen dann schon nach, die zahlreichen Wwoofer*innen seien da beredtes Zeugnis. Da liegt er vermutlich auch nicht falsch.

Pierre Rabhi ist bei allen Leuten in Frankreich, die sich für Ökologie interessieren, bekannt. Er ist eine sehr wichtige Figur im Einsatz für die agroécologie, einer Art des Landwirtschaftens, die verantwortungsvoll mit Böden und Ressourcen umgeht – die industrielle Landwirtschaft tut es nicht. Er hat so einige Vereine gegründet, unter anderem die Colobris, „mouvement pour la Terre et l’Humanisme […] pour encourager l’émergence et l’incarnation de nouveaux modèles de société fondés sur l’autonomie, l’écologie et l’humanisme“ – eine Bewegung für die Erde und den Humanismus und für die Entstehung neuer Gesellschaftsmodelle, die auf Autonomie, Ökologie und Humanismus gegründet sind; eine Plattform der Begegnung und des Austauschs. Die Bewegung betreibt eine Internetseite, auf der man sich für Online-Kurse eintragen kann. Da gibt es dann zum Beispiel Module zur Permakultur – denen habe ich mich während des Lockdowns gewidmet. Die université des colibris ist frei zugänglich. Zur Namensgebung für die Bewegung hat ihn eine kleine Erzählung amerikanischer Ureinwohner inspiriert: Ein Wald brennt, alle Tiere des Waldes fliehen und schauen sich die Katastrophe aus der Ferne an – nur der kleine Kolibri wird nicht müde, seinen Schnabel immer und immer wieder aufs neue mit Wasser zu füllen und es über dem Feuer abzuwerfen. Von den anderen, reglosen Tieren befragt, warum er das denn mit solchem Eifer betreibe angesichts einer so hoffnungslosen Angelegenheit, antwortet dieser: Ich leiste eben meinen Beitrag, das Feuer zu löschen. In La convergence des consciences fasst Rabhi die Moral, die er daraus zieht, so zusammen: „Tu deinen Teil, ohne zu warten, dass andere ihn an deiner Stelle tun. Hör auf, zu protestieren, zu lamentieren und handle.“

CdP – Letztes zum Ende eines ersten Aufenthaltes

Am Anfang etwas unterbeschäftigt und etwas unzufrieden damit, nach jeder erledigten kleinen Tätigkeit nachfragen zu müssen, was als nächstes zu tun wäre, war ich nach einem Rundgang im Garten mit Pilar mit einer Liste an Dingen, die zu tun waren, ausgestattet: Umpflanzen von Erdbeerpflanzen, Himbeerpflanzen, Unkrautjäten, Ausdünnen und dergleichen mehr. Wenn mir dazwischen etwas anderes einfiel, was mir besser gefiel, war auch das drin. Da gab es zum Beispiel das Gartenstück von Olivier, ein Poteau, der sich in Avioth ein Haus gekauft hat, das noch lange nicht bezugsfertig ist. Das dazugehörige und seit Jahren verwaiste Gartenstück ist über eine Brücke über ein Bächlein mit dem Garten vom Centre verbunden. Als Gegenleistung für Aktivitäten im ganzen Garten wurde den Wwofern die Hälfte als Experimenierfeld überlassen. Das war lustig. Es begann damit, den Wald an Unkraut und Brombeersträuchern niederzumähen. Es war der reinste Jungel. Es ging mit der Sense zu Werk. Es folgte Unkrautjäten um die vier Bäume herum, das Einhegen mit Steinen, das Aussäen von Klee, das Schaffen einer neuen Parzelle mithilfe einer Hacke, das Abgrenzen der Parzelle mit Steinen – eine meiner Lieblingstätigkeiten –, das Einpflanzen von Himbeersträuchern und, ganz zum Schluss, gab es auch noch einige Sanddornableger, die den Weg von Pilars Garten in den von Olivier gefunden haben. Ich darf gespannt sein, wie viel von all dem überlebt hat. Mit den Erdbeeren sah es zum Beispiel zwischendurch ziemlich mau aus. Zwar habe ich die neu eingesetzten Pflanzen um einiges an Blättern erleichtert, damit das reduzierte Wurzelwerk nicht überfordert ist mit deren Versorgung, doch bald schon wirkte fast jede Pflanze hoffnungslos vertrocknet. Kurz vor meiner Abfahrt durfte ich dann aber mit Freude sehen, dass jeder Pflanze neue Blättchen wuchsen.

Daneben gab es natürlich auch einiges an mit Gießen verbrachter Zeit. Das haben wir immer mal wieder gerne aufgeschoben, in der Hoffnung, dass es dann doch mal ein bisschen regnet. Auch im Département Meuse ist jedoch wenig runtergekommen im August. Außerdem: Blätter von der Schwarzen Johannisbeere sammeln, zum Trocknen auslegen, in Behälter geben, von vorigen Wwoofer*innen zum Trocken aufgehängte Salbeizweige und Zitronenmelisse abnehmen und in Behälter geben, später das Gleiche mit Rosmarin, Thymian und Eisenkraut. Desweiteren: Radieschen aussäen, den Boden um die Bohnen mit Stroh bedecken, Salat einpflanzen, Sellerie pflanzen und dergleichen mehr.

Eine von mir sehr geschätzte Nebenbeschäftigung war das Sammeln von Brombeeren an zwei der Brombeersträucher des Ortes, von denen einer prächtig war und für die sich außer mir im Ort niemand zu interessieren schien. Es kam dann aber tatsächlich der Moment, an dem ich meinen Appetit auf Brombeeren verlor – stellt euch die Unmengen an Brombeeren vor, die dazu nötig sind! Zur Rettung kam Saša Stanišić und sein neuester – und sehr zu empfehlender – Roman Herkunft, in dem an einer Stelle von einem Besuch seinerseits seiner bosnischen Heimat die Rede ist, bei der es Brombeertarte gab – die erlösende Idee für eine Art der Umwandlung, die mir die Frucht wieder schmackhaft machen sollte (das war deswegen aber nicht die beste Stelle im Roman; tatsächlich ist er reich an sprachlichem Witz und erhellenden Gedanken rund um das Thema Zugehörigkeit, die es lesenswert machen). Das war der Auslöser meines Backfiebers. Es begann mit Brombeere, ging weiter mit Himbeere (der gelben, die den ganzen Monat über zu ernten war), mit Pflaume; über Experimente mit Cherry-Tomaten mündete es in meine letzte Kreation, meine Pfirsichtarte. Damit machte ich mich in der communauté natürlich sehr beliebt.

Der Monat war kurz, zu kurz. Schon wenig nach meiner Ankunft hatte ich das Gefühl gehabt, die Zeit reiche nicht, vor allem angesichts des Stapels an spannende Lektüre versprechender Bücher. Alexandre verstand es obendrein, mich auf das Büchlein zur gewaltfreien Kommunikation scharf zu machen, das er gerade las. Mit welcher hellen Begeisterung er mir von immer neuen erhellenden Lesemomenten erzählte! Und dann waren da so viele andere Leute, die von gewaltfreier Kommunikation schwärmten. Ich werde bald die Gelegenheit haben, es in Angriff zu nehmen, denn die Lücke in meiner Planung Anfang Oktober (bis Ende November ist ansonsten alles geplant und den Dezember verbringe ich hoffentlich in Schland) werde ich füllen, indem ich noch einmal nach Avioth zurückkehre. Ich war zu sehr mit anderem beschäftigt, um zwischendurch nach einer weiteren Wwoofing-Farm zu suchen. Und außerdem ist es doch auch etwas anstrengend, sich immer aufs Neue ins völlig Unbekannte zu begeben. Bevor der Rhythmus schneller wird – zwei Wochen pro Farm ab Mitte Oktober – gönne ich mir noch ein bisschen Ruhe und Vertrautheit. Anfang Oktober werde ich also sehen, was meine Verpflanzungsaktionen überlebt hat und was nicht. Und wie sich die unter Anleitung von Didier zu großen Teilen von mir gefertigte Konstruktion für den Trockentoiletten-Kompost in seine dafür vorgesehene Umgebung einfügt (et voilà des Rätsels Lösung zum am Ende des letzten Beitrags eingefügten Bildes).

Ja, Trockentoiletten, toilettes sèches, gibt es nämlich im Centre de Partage! Man fülle den Grund eines Eimers gut mit Sägespähnen, verrichte sein Geschäft, überstreue das Ganze nochmals reichlich mit Sägespähnen und leere den Eimer, wenn er voll ist, in ein dafür vorgesehenes aus Euro-Paletten gefertigtes Fach für den Toilettenkompost im Garten. Den Eimer mit einer Mischung aus Essig und Wasser ausspülen, dabei die Klobürste benutzen. Das Ganze schont die Kanalisation und mindert den Energiebedarf. Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauert, bis man den Kompost dann zum Düngen einsetzen kann, aber ich habe ja bald noch einmal die Gelegenheit, nachzufragen. Vielleicht schreibe ich bei meinem zweiten Aufenthalt im Centre dann auch mal ein bisschen was über Permakultur.

Das Centre hat im Ort unter einigen Bewohner*innen den Ruf einer Sekte. Dazu tragen sicherlich auch so lustige Dinge wie Meditationsläufe bei: In einer Reihe laufe man seeeehr laaaangsaaam hintereinander her. Habe ich mir bis jetzt nur von außen angeschaut und ich glaube, ich mache in der Zeit, in der andere laufend zu sich finden, auch in Zukunft lieber Siesta. Und dann gibt es auch so lustige Wochendaufenthalte von Gruppen, die sich den Mehrzwecksaal mieten, um darin meditativen Gesang zu üben. Das geschah am letzten Wochenende vor meiner Abfahrt. Am Ende des Tages begab sich die Gruppe gern mal in die Basilika, um den Raum mit Klang zu füllen. Besucher*innen waren willkommen. Es ist wirklich wahnsinnig entspannend und schön, wenn eine Gruppe von Leuten um einen herumwandert und dabei einen einzigen gleichen Ton singt – und sich zwischendrin auch noch jemand im Oberton-Singen probiert! Noch nichts von Oberton-Gesang gehört? Ist irre! Gerne mal bei Youtube eingeben. Und dann kam der Moment, an dem ich quasi allein in der Kirche war, herumwanderte und am anderen Ende gesungen wurde. Das ist eine geheime Phantasie von mir: Ein Ensemble ganz allein für mich zu haben und mich im Konzertraum dabei frei zu bewegen. Zum Thema Sekte sei abschließend die Marienprozession erwähnt, die Mitte August Pilger*innen in den Ort lockt und die ich mir von Oliviers Garten anschauen durfte. Dann doch lieber Meditationsläufe.

Vielleicht verbringe ich im Centre de Partage mal einige Tage als Bewohner, mit Cello im Gepäck, zwischen Spaziergängen und Kochen übe ich und gebe kleine Einlage in der menschenverlassenen Basilika am frühen Morgen, ganz für mich allein. Wenn ich Glück habe, ist eine Cello-spielende Bewohnerin von Anfang Juli auch mit ihrem Cello am Start. Vielleicht mache ich das im Dezember als Quarantäne-Maßnahme, wenn es vor der Einreise nötig sein sollte. Zur Zeit ist es ja mit einem vorhergehenden Aufenthalt in Paris ja eher schwierig, und da werde ich auch noch einige Tage verbringen.

Begegnungen in und um Avioth

Die Dynamik im Centre de Partage ist einem ständigen Wandel unterzogen, abhängig davon, wer gerade gekommen ist, wer gerade gegangen ist.

Ungefähr in der Mitte meines Aufenthaltes gab es eine sehr heitere Phase: drei Mütter waren für einige Tage mit ihren Kindern, vor allem jugendlichen Mädchen, gekommen. Die waren einfach immer gut drauf, keine Wolken, die irgendwem das Gemüt verhangen hätten. Das war auch der Moment, an dem Jean-Christoph zugegen war. Mittelalterlicher Herr, graues Haar, eine Brille, die seine Augen vergigantisiert, ruhiges Auftreten. Einst Freiwilliger des Ortes, kommt er jetzt hin und wieder vorbei, um frische Luft zu tanken. Jean-Christoph hat in seinem Leben ziemlich interessante Dinge getrieben: in Mexiko war er einige Jahre und hat ein ökologisches Projekt geleitet, bei dem es darum ging, lokale Lösungen im Umgang mit Plastikmüll zu finden, der sich dort in perverser Weise stapelt – Recycling wie in Europa gab es dort noch nicht – ich erinnere mich nicht, ob er etwas dazu sagte, wie es heute damit steht. Dann ging es für viele Jahre in den Kongo. Dort ging es unter anderem darum, Projekte anzuleiern, die dazu führen, dass die ansässigen Bauern nachhaltige Landwirtschaft betreiben. Am Anfang leitete er das Projekt von Brüssel aus: Gelder wurden an lokale Verantwortliche gegeben, die dann zum großen Teil falsche Berichte über die Entwicklungen zurückschickten. Da musste er dann schließlich selbst hin, sich ein Bild von der Lage machen und in Kontakt mit den Leuten treten. In allem galt das Prinzip buttom-up: lokale Strukturen erkunden, vor Ort empfundene Probleme erkennen und gemeinsam mit den Leuten nach Lösungen suchen. Die angenehme Variante der Entwicklungshilfe. Die unangenehme wären internationale Organisationen, die aus der Ferne und nach eigenen Wertemaßstäben Mutmaßungen darüber anstellen, woran es in armen Regionen der Welt fehlt und zweckgebundene Gelder freimachen, um hier und dort ein Ding zu installieren, das am Ende niemanden juckt. Befragt nach seinem Blick in die Zukunft, seiner Einschätzung zur Lage der Welt hinsichtlich der Ökologie und welche Stimmung in ihm vorherrscht nannte er den Begriff joyeux pessimisme – fröhlicher Pessimismus, fröhlich im Sinne seines unbeirrten und inspirierenden Engagements trotz aller empfundener Aussichtslosigkeit.

Zuletzt hat er ein Projekt in einem Problemviertel einer belgischen mittelgroßen Stadt geleitet, deren Namen ich mir nicht mal die Mühe gemacht habe, mir zu merken. Mit der Stadt ging es bergab, nachdem eine Fabrik, die es dort gab, dicht gemacht hat. Es folgte Arbeitslosigkeit und damit einhergehende soziale Misere. Auch dort galt es, Leute zu vernetzen und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie aus eigener Kraft Probleme angehen können und Leben in ein verwaistes Quartier bringen können. Am Ende standen selbstorganisierte Theaterprojekte und Nachbarschaftsinitiativen gegen Einsamkeit im Alter. Das Ziel war es, Strukturen zu schaffen, die auch ohne Finanzspritzen bestand haben, also unabhängig davon, ob gerade Geld in den Kassen ist übrig oder nicht.

Er ist inzwischen bekannt für das, was er tut, und entsprechend gefragt. Er hätte für ein Transitions-Projekt arbeiten können, hatte sich zwischendurch aber schon für etwas anderes verpflichtet. Nachdem ich Jean-Christoph von meinem Interesse für Transformations-Projekte im Sinne von Rob Hobkins erzählte, konnte er mir die Mail-Adresse eines Herren, der ein solches Projekt in Liége mitaufgezogen hat, geben. Belgien ruft!

Belgien ruft auch deshalb, weil ich zwei Empfehlungen von anderen Leuten für spannende Wwoofing-Farmen bekam. Eine davon von einer belgischen Studentin, die an einem Friedensmarsch teilgenommen hat, der in Avioth, im Centre de Partage, seine letzte Station. Sie gehörte zu einer Gruppe von etwa 12 zufällig zusammengewürfelten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die mit der Friedensbewegung Jai Jagat unterwegs waren. Jai Jagot ist indisch und bedeutet in etwa Sieg einer Welt im Geiste der Inklusion und des Pazifismus. Nach 10 Tagen kamen die Leute völlig am Ende ihrer Kräfte und kräftig humpelnd im Centre de Partage an. Der Sinn der Aktion ist, dass die Gruppe über Frieden, soziale Missstände in der Welt und Ökologie reflektiert und auf dem Weg Leute trifft, die neue Lebensweisen erproben im Sinne der Nachhaltigkeit; das waren zum Beispiel Kollektive in der Natur, die mit Leute mit geistiger Behinderung leben, Öko-Mönche in einem Kloster der Region und dergleichen mehr. Dabei ist wohl auch ein Video entstanden. Nun, die besagte Studentin erzählte mir von einer Farm in Belgien, auf der ein ehemaliger Ingenieur mit alten Getreide-Sorte experimentiert. Ihm gilt es, den Beweis anzutreten, dass es sehr wohl möglich ist, ohne Einsatz von Pestiziden und künstlicher Düngemittel Getreide anzubauen, das obendrein nicht genmanipuliert oder sonst wie optimiert wurde und dabei genau so hohe Erträge erzielt. Das klingt spannend.

Mit alten Getreide-Sorten experimentiert auch ein Bauer in der Nähe des Centre de Partage, auf belgischer Seite. Schon in der ersten Woche hatte ich das Vergnügen, mit meinem Co-Wwoofer Alexandre einen Ausflug zur Ferme de Hayon zu unternehmen, um bei der Ernte auf den Experimentierfeldern die Ernte vorzubereiten. Es handelte sich um Bahnen von der Breite von etwa einem Meter und Fünfzig von verschiedensten Varietäten an Getreide, die heute nicht mehr im Gebrauch sind. Heute funktioniert Getreideanbau üblicherweise so, dass große Pharmazie-Konzerne hybrides Saatgut produzieren, auf das sie ein Patent haben (ein Patent auf das Leben!). Hybrid bedeutet, dass das Saatgut einmal eine hervorragende Ernte verspricht, dass die Pflanzen selbst aber unbrauchbares Saatgut produzieren. Die Bäuerinnen und Bauern sind demnach darauf angewiesen, Jahr für Jahr ihr Saatgut einzukaufen – mitsamt den darauf zugeschnittenen Pestiziden und Düngemitteln. Als Bäuerin und Bauer ist man damit auf Gedeih und Verderb vom Saatgutproduzenten abhängig. Nun gibt es aber bäuerliche Initiativen, die da nicht mehr mitspielen wollen und ihr eigenes Saatgut ausbringen wollen, um von Pharmazie-Konzerne unabhängig zu werden. In Frankreich ist das die Assoziation Kokopelli. Ziele von Kokopelli sind unter anderem der freie Zugang zu Saatgut für alle und das Ende des Einsatzes von chemischen Produkten und Genmanipulation; Kokopelli ist entschiedener Gegner internationaler Pharmazie-Konzerne, staatlicher Korruption (die Regierungen dieser Welt seien allzu oft Komplizen der Industrie), bäuerlicher Gewerkschaften, denen die Ökologie egal ist und fordert auf, lokal zu konsumieren, Produkte von internationalen Nahrungsmittelkonzernen zu boykottieren, Gemeinschaftsgärten in Städten zu gründen und noch einiges mehr. Für die Frankphonen hier der Link zur Website: https://kokopelli-semences.fr

Marc von der Ferme de Hayon ist einer derjenigen, die beim Getreideanbau unabhängig sein wollen. Er hat ungefähr 20 Bahnen mit verschiedenen nicht-patentierten Getreidesorten gepflanzt, auf der Suche nach derjenigen, die bei ihm gute Erträge erzielen kann. Das gab ein ziemlich schönes Bild: Von vorn betrachtet sieht man nebeneinander abgestufte Bahnen von längeren und kürzeren Halmen, mal rötlich mal grau, mal blond, mal mit gebogenem Halm, mal mit geradem. Ein sehr schöner Anblick – und ich hatte leider meine Kamera nicht dabei, um ein Bild davon zu machen. Die Aufgabe der zahlreichen Leute, die eingeladen waren, ihn an diesem Tag zu unterstützen (gegen ein fabalhaftes Mittagessen) war es am Vormittag, die einzelnen Bahnen mit einer Schere bewaffnet zu durchschreiten und Halme von Varietäten auszusondern, die darin eigentlich nichts verloren hatten, damit am Ende pro Bahn auch wirklich nur das Saatgut von einer Varietät geerntet wird. Am Nachmittag hatte ich das Vergnügen, mit einer mechanischen Maschine von schon zuvor geerntetem Getreide die Spreu vom Weizen zu trennen. Die Ernte unserer Bahnen erfolgte dann mit einer Erntemaschine am Nachmittag. Mit Marc konnte ich leide nur kurz über sein Projekt sprechen, der Gute hatte an dem Tag wirklich viel zu tun und war ziemlich gestresst. Behalten habe ich die Information, dass in Belgien nur bestimmte Getreidesorten zur Weiterverarbeitung in Großbetrieben zugelassen sind. Da will er sein Getreide sowieso nicht mahlen lassen. Das macht er bei sich. Eine Bäckerei mit Steinofen ist gerade in Bau.

Unter den anderen Freiwilligen des Tages waren drei Frauen, die in Belgien auf dem Land ein Kollektiv gegründet haben. Worum es genau geht, habe ich entweder vergessen oder nicht richtig verstanden. Die eine davon ist Kulturwissenschaftlerin. Auch ihr erzählte ich von meiner Idee, in meine Heimatstadt zurückzugehen und dort ein ökologisches Projekt zu unterstützen oder anzuleiern. Es wäre durchaus eine Option, dort einen Master in Kulturwissenschaft anzufangen um neben dem Studium rührig zu sein. So ganz überzeugt sei ich, wie ich ihr sagte, allerdings nicht, wo ich doch gerade so Feuer und Flamme sei für Ökologie sei wäre es doch schön, wenn das Studium auch etwas damit zu tun hätte, auch wenn ich das, was ich im kommentierten Vorlesungsverzeichnis gelesen hatte, nicht uninteressant fände. Habe es doch, wenn man wolle, sagte sie. Die Kulturwissenschaft ist breit gefächert und der mögliche Bezug zur Landwirtschaft stecke doch schon im Namen des Studiengangs. Da hat sie völlig recht. Die Pläne für meine nähere Zukunft nehmen mehr und mehr Gestalt an. Eine kurze aber sehr hilfreiche Begegnung.

Zum Abschluss ein Ratespiel: Was könnte das wohl sein? Schreibt mal was! Hier schreibt niemand was…