Manoir du Ster

Der Abschied von der Farm de l’Aufrère Anfang Januar war nicht ganz leicht, denn hinter mir lagen zweieinhalb wahnsinnig gute Monate meines Lebens. Vielleicht hätte man es mir gar nicht verwehrt, noch länger dortzubleiben, aber festwachsen wollte ich auch nicht und schließlich stand die Möglichkeit am Horizont, bald wieder zurückzukehren und zwei Monate als Angestellter im Gemüseanbau zu arbeiten. Das hatte der Herr über das Gemüse mir angeboten und inzwischen ist es auch einigermaßen sicher, dass ich die Monate April und Mai dort verbringen werden, um mein Konto etwas aufzufüllen. Zu diesem Angebot wäre es wohl nicht gekommen, hätte ich, wie ursprünglich und vor der Verkündigung des zweiten Lockdowns vorgesehen, nur zwei Wochen dort verbracht. Was für ein Glück. Es war schon ein Glück gewesen, dass ich überhaupt als Wwoofer genommen wurde, denn für dieses Jahr wollte Marie, die Wwoofing-Verantwortliche, nur Leute aus der Region nehmen. Ihr war nicht ganz klar gewesen, dass ich aus Deutschland komme, auf meinem Wwoofing-Profil habe ich immerhin meine Pariser Adresse angegeben. So viel Glück und das in so unglücklichen Zeiten. In diesen zweieinhalb Monaten hatte ich jedenfalls das Gefühl, mein Ideal von individueller Selbstentfaltung auszuleben. Dazu gehören für mich körperliche Arbeit, reichlich Lektüre, Anhäufung von Wissen und Fertigkeiten, Weitergabe von Wissen (mein Deutschkurs hat es auf insgesamt zehn Sitzungen gebracht, von denen die letzte ein reines Fest der Ausgelassenheit war), wertvolle menschliche Begegnungen mit jeder Menge Herzenswärme und gegen Ende tauchte sogar ein Cello quasi aus dem Nichts aus. Es fehlte nur noch drei Steicher*innen für eine komplette Streichquartettbesetzung und ich hätte es das Paradies nennen können. Einen besonders glücklichen Moment möchte ich noch erwähnt haben: der, als Soso einen Schnürsenkel aus ihrer Hosentasche zauberte und ihn mir schenkte. Meine Schnürsenkel waren zu diesem Zeitpunkt ziemlich zerschossen und ein neuer genügte, um meine Lebensqualität zu verdoppeln.

Für mich ging es jedenfalls weiter in Richtung Bretagne, ins Département Finestère (was mensch mit Ende der Welt übersetzen kann), nach Penmarch, in der Nähe von Quimper, ans Meer. Zu diesem waren es vom Manoir du Stern nur fünf Minuten zu Fuß. Was mich dazu bewog, eine Anfrage dorthin zu schicken, war der Punkt Empfang von Leuten mit geistiger Behinderung. Zu erfahren, wie das Soziale mit Gartenarbeit, Gemüseanbau und dem Halten von Tieren verknüpft werden kann, fand ich sehr spannend. Le Manoir du Ster – das sind vor allem Ferienwohnungen, in die man sich einmieten kann. Der Ort hat aber auch ein kulturelles Anliegen. Im Sommer – wenn nicht gerade Pandemien ihr Unwesen treiben – finden dort kleine künstlerische Events statt. Im Zusammenhang mit einem von diesen ist im Jahr 2016 eine Freske entstanden, die bis ins letzte Jahr für Wirbel sorgte. Dazu gleich mehr.

Zu den Bewohnerinnen gehörten meine Gastgeberin Sophie, ihre Tochter, Hélène und Olivia. Letztere hat ihre Zeit nach dem Bac (entspricht dem Abi) damit verplempert, Vermögensverwaltung zu studieren um dann reisend festzustellen, dass das kompletter Quatsch gewesen ist. Sie hat einen neuen Pfad beschritten. Sie hat sich im Manoir du Ster eingemietet und pendelt fast täglich nach Quimper, wo sie einer Ausbildung im Zimmerhandwerk nachgeht. Noch eine von denen, die sich unter dem im Frankreich stärker als in Deutschland grassierenden Zwang, nur schnell und lückenlos einen astreinen Bildungsweg hinzulegen, ohne sich je die Frage gestellt zu haben, was denn zu einem passt, in ein Studium gestürzt haben und schließlich feststellen, dass sie sich mal hätten Zeit lassen sollen.

Hélène ist seit über zehn Jahren Bewohnerin im Haus und wird von meiner Gastgeberin betreut. Ihre Tage brachte die gute Dame im Alter von über 70 Jahren zur Zeit meines Aufenthaltes damit zu, lustige Postkarten mit Tieren zu bemalen oder auf Holztäfelchen kleine Kunstwerke zu schaffen, die sich überall im Haus ansammeln. Sie ist ziemlich selbstständig unterwegs, macht ihre Spaziergänge alleine, kocht sich ihren Kaffee selbst und schnippelt unter Anleitung Gemüse. Panische Angst hatte sie vor der Papageiendame, die in der Küche herumfaltterte. Wenn sie zu frei im Raum unterwegs war, stürmte Hélène fluchtartig in das angrenzende Wohnzimmer, bis sich jemand darum gekümmert hat, Xhaka in ihren Käfig zu sperren. Ich stand auf gutem Fuß mit dem Tier. Xhaka war eine geflügelte Katze, die ihre Streicheleinheiten einforderte und schnurrte, wenn sie zufrieden war. Hastige Bewegungen wurden mit Schnabelattacken bestraft. Hin und wieder musste man Hélène daran erinnert, dass sie dieselbe Frage schon einige Male gestellt hatte. Die gleichen Dialoge spielten sich immer wieder ab. „Que-ce qui-ce passe ? Ca va, Franque ? Ca caille, ça caille. Bon, à tout à l’heure.“ Aber nicht nur. Wir haben uns sehr gut verstanden.

Meine Aufgaben waren nicht besonders spannend. Kleine Bastel- und Instandhaltungsarbeiten. Kaum der Rede wert. Für das Lama haben wir eine Ecke des Grundstückes eingehegt, in der Hoffnung, dass es sich dahin verirre und wir es für den Besuch des Veterinärs dort einsperren können. Es hatte eine kleine Pediküre dringend nötig, das Laufen ist zu einer schmerzhaften Angelegenheit für das Tier geworden. Der Gemüsegarten war winzig und es gab darin nicht das Geringste zu tun.

Meine Gastgeberin war allerdings eine ziemlich spannende Person. Vier Jahre lang hat sie sich vor Gericht schlagen müssen, damit sie ihre Freske nicht von einer ihrer Wände entfernen muss. Das hatte der Bürgermeister des Ortes eingefordert, meine Gastgeberin hat das nicht mit sich machen lassen. Die Begründung lautete, dass die Freske ein nicht hinnehmbarer Eingriff in die Umwelt sei, sie störe den Blick. Lustigerweise ist sie von der Straße, die am Gelände vorbeiführt, so gut wie gar nicht zu sehen und vermittelt obendrein eine ökologische Botschaft. Meine Gastgeberin hat sich juristisch eingearbeitet, hat riesige Dossiers angelegt, die sich mit Eingriffen in die Umwelt im Ort beschäftigen – so etwa das Plattmachen von unbelassener Natur im Ort, um Campingplätze zu erweitern –, um dem Gericht vor Augen zu führen, dass die Vorwürfe absurd sind; sie hat die Lokalpresse auf ihre Seite gezogen; Kunstevents zur Rettung der Wandmalerei angeleiert; Karikaturen gezeichnet, um ihren Kontrahenten lächerlich zu machen; Flyer und Plakate verteilt, um im Ort Sympathien zu gewinnen. Dieser Herr muss ganz offensichtlich eine Schraube locker gehabt haben und von Größenwahn befallen gewesen sein. Ein Nachlassen in dieser Angelegenheit kamen für ihn nicht in Frage, das hätte er, folgt man den Erzählungen von Sophie, als gigantische Niederlage empfunden. Es wurde ziemlich schnell ziemlich schmutzig. Der Bürgermeister und sein Team haben keine Gelegenheit ausgelassen, Sophie zu verklagen: sei es, dass die Müllcontainer auf eine Weise am Straßenrand geparkt waren, dass sie den Verkehr versperren, sei es weiß der Geier was, alles was sich als Ordnungswidrigkeit hat auslegen lassen. In jedem Fall kamen in den letzten Jahren um die zwanzig Klagen zusammen, alle Prozesse konnte sie jedoch für sich entscheiden. Zwischendurch fackelte ihr Auto ab. Vier mal sei es ihr passiert, dass sie als Fußgängerin am Straßenrand unterwegs war und Autos direkt auf sie zuhielten. Sophies Ansicht nach steckte hinter dem Spiel des Bürgermeisters der Versuch, sie von ihrem Gelände zu vertreiben, damit seine Mätresse sich das Grundstück unter den Nagel reißen kann. Am Ende konnte sie dank ihres großen Kraftaufwandes, den sie an den Tag legte, auch den entscheidenden Prozess für sich entscheiden. Solche Sorten von Prozessen, sagt sie, gewinnt man Frankreich in der Regel nicht, das Gericht ist aber deutlich geworden, dass der Bürgermeister durchgeknallt ist. Der Herr wurde bei den letzten Lokalwahlen abgewählt. Da hatte sie ihn dann doch ereilt, die Niederlage. Was für eine Geschichte. Nun darf sich Sophie mit einer Erbschaftsangelegenheit herumschlagen, die während meiner Zeit bei ihr über sie hereingebrochen ist. Das hat ihr seelisch ganz schön zugesetzt. Im Laufe der Tage hat sie aber Zuversicht gewinnen können. Irgendeinen Plan hat sie sich da zusammengebastelt. Abermals hat sie jede Menge Arbeit vor sich, aber sie wird mit der Angelegenheit schon fertig, meint sie. Unverwüstlich, diese Frau.

Auf die Frage, was vier Jahre einer solchen Prozesslawine mit einem machen, meinte sie, man werde narzisstisch. Vielleicht ist es Narzissmus, der hinter einer Sache steckte, die mich anfangs etwas stresste. Ich hatte etwas den Eindruck, dass sie nach kleinen Fehlern suchte. Warum hast du das nicht gemacht, warum hast du das so und nicht anders gemacht? Nicht selten war meine Antwort: Ich habe das gemacht und zwar genau so. Dann gab es ein verlegenes Lachen zurück. Hin und wieder sind kleine Sachen bei meinen Bastelarbeiten kaputt gegangen. Da war zum Beispiel eine Tür im Fest- und Fetensaal, die ich nicht hätte öffnen sollen, um da ein Kabel nach draußen zu verlegen. Die ging dann nicht mehr richtig zu. Im Winter besser nicht öffnen. Was weiß ich denn. Oder so eine Fensterhalterung, die ich aus dem Rahmen gerissen habe. Kleinigkeiten. Am Ende der ersten Woche sagte sie mir, ich habe einen zu intellektuellen Zugang, mir fehle praktische Intelligenz. Das hat mich innerlich mächtig aufgeregt. Ich weiß wirklich nicht, wozu solche Etiketten nötig sind, ich fühlte mich da jedenfalls etikettiert. Mir fehlen in vielen Dingen Erfahrung, ich bin kein Bastler, kein Wunder, dass Dinge kaputtgehen. Intelligenz? Ich ziehe es vor, in Begriffen von fehlender Erfahrung zu sprechen, mit der im Laufe der Zeit die Intuition kommt. Sie hat das gar nicht abwertend gemeint, wie sie mir später am Morgen in einem klärenden Gespräch, das ich mit ihr suchte, darlegte. Es gebe nun mal verschiedene Arten von Intelligenzen, sie habe ihre praktische Intelligenz auch erst einmal entwickeln müssen, als sie sich vor siebzehn Jahren in Penmarch angesiedelt hat. Aber sie war ziemlich verständnisvoll und ich war froh, diesen kleinen Konflikt sofort gelöst zu haben.

Mit einigen Leuten ist es leicht, zusammenzuarbeiten, mit einigen schwieriger, einige Leute lassen machen, andere kritteln herum. Ich mache die Erfahrung, dass in Zusammenarbeit mit den ersten meistens was Gutes rauskommt, bei den zweiteren der Stresspegel steigt und Fehler entstehen, die bei entspannter Atmosphäre nicht entstanden wären. Im Wechsel mit diesen unterschiedlichen Typen zu tun zu haben führt bei mir Schritt für Schritt dazu, entspannter mit mir selbst zu werden und von Mal zu Mal weniger die Fehler bei mir zu suchen, wozu ich leider eine Veranlagung habe. Sehr wertvolle Erfahrung.

Das klang jetzt so, dass es wahnsinnig anstrengend mit Sophie gewesen wäre. So schlimm war es dann auch nicht. Sie war durchaus in der Lage, Zeichen der Anerkennung zu geben. Sparsam, aber immerhin. Schwieriger war es bei Robert in den Vogesen. Unschlagbar war in der Hinsicht Boris auf der Farm de l’Aufrère. Ich glaube ich sagte es schon, aber ich sage es gern noch einmal: der beste Vorgesetzte, den mensch sich vorstellen kann.

Ich habe mich ganz gut amüsiert in den drei Wochen, die ich in Penmarch war. Nach dem Mittagessen gab es hin und wieder eine kleine Runde Tischtennis, in der Sophie mich vernichtend schlug. Es gab Meeresfrüchte, mit denen ich bislang wenig Kontakt gehabt hatte, Muscheln zum Beispiel, frisch geerntete. Zwei selbstgebackene Galettes des Rois. Es gab Ausflüge zu Seehunden, im Kajak auf dem flachen Meer. Es gab Spaziergänge am tosenden Meer. Abende mit Kartenspielen. War ganz nett, nicht die ultimative Wwoofing-Erfahrung, aber nett.

Mir hat die Reise in die Bretagne gestattet, einen alten Bekannten wiederzusehen, den ich mir vor drei Jahren in Rennes gemacht hatte. G… hat mich für ein Wochenende nach …x eingeladen, ins Haus seiner Mutter und seines Stiefvaters. Anscheinend hatte ich für die feinen Städter*innennasen zu viel Landluft in meiner Kleidung mit mir herumgetragen. Kurz vor einem unserer Ausflüge in die Stadt wechselte G… hinter verschlossener Tür noch einige Worte mit der Herrin und dem Herrn des Hauses. Ich habe den Satz „Heu in den Stiefeln“, der von einem Lachen begleitet war, aufschnappen können und ahnte, dass da über mich geredet wurde. Das bestätigte sich. „Es ist mir wirklich unangenehm“, so G…, als er wieder in den Flur trat, „aber meine Mutter hat eine sehr empfindliche Nase und man bittet dich, dass du dir von uns Kleidung geben lässt und sie dir überwirfst, während wir deine Sachen waschen.“ Da war es nun also soweit, dass plötzlich die städtische die andere Lebensrealität geworden war, in die ich für einen Moment nicht mehr hineinpasste mit dem von mir herumgetragenen Duft, der zu nahe am Leben war. Ach die Leutchen mit ihren weißgetünchten Wände und ihren Phantom-Verfärbungen, die es bald zu übertünchen galt, wo alles in der Wohnung seinen fest definierten und mit dem Geodreieck ausgemessenen Platz hat und jede Funktion vom neusten Maschinchen erfüllt wurde. Ich finde es ganz gut, dass ich denen ein bisschen was zugemutet habe. Mit G… habe ich indes trotzdem ein wunderbares Wochenende verbracht, trotz der Befangenheit, die seitdem in der Luft schwebte, wenn wir im Haus zugegen waren.

Nach der Bretagne folgte die Normandie, in der ich Anfang Februar angekommen bin.

Permakultur I

Für diese kleine Übersicht über die Permakultur greife ich auf einen Onlinekurs zurück, den ich während des ersten Lockdowns in meiner Pariser Banlieue verfolgt habe. Gefunden habe ich diesen auf der Seite der Université Colibris

Le mouvement Colibri – die Colibri-Bewegung –, unter anderem ins Leben gerufen von Pierre Rabhi, der an anderer Stelle Erwähnung fand, setzt sich für eine ökologische und menschliche Gesellschaft ein. Sie will individuellen Wandel anstoßen, überzeugt davon, dass „die Transformation der Gesellschaft völlig dem menschlichen Wandel unterworfen ist.“ Es geht ihr darum, verschiedenste ökologische Initiativen zu vernetzen, um die gewünschte Transformation voranzutreiben. Vor nicht allzu langer Zeit hat die Bewegung eine Online-Universität ins Leben gerufen, in die man sich kostenlos einschreiben kann um aus den dort angebotenen Kurse zu wählen. Dort findet man zur Zeit einen Kurs, der damit wirbt, reichlich mit Information rund um den Klimawandel zu versorgen; einen, der dazu anleitet, eine Kooperation ins Leben zu rufen samt einer Einführung in alle Werkzeugen, die dafür hilfreich sind; einen brandneuen Kurs mit dem Titel Innerer Wandel, der einen Rundumschlag zu den globalen ökologischen Zerwürfnissen verspricht und anschließend anleitet, wie eine negative emotionale Grundstimmung angesichts finsterer Zukunftsaussichten in positive und schöpferische Energie umgewandelt werden kann um schließlich in die Lage zu versetzten, ökologische Überzeugungen zu leben; und eben jenen Kurs zur Permakultur, in den ich mich eingeschrieben hatte und den ich im Folgenden zusammenzufassen versuche.

Die Weltwirtschaft, der Lebensstandard in den Industriegesellschaften und die konventionelle Landwirtschaft sind nicht ohne hohen Aufwand von fossilen Brennstoffen zu haben. Die Abhängigkeit davon ist absolut. Einerseits sind wir mit den Folgen des Energiebedarfs in Gestalt des Klimawandels konfrontiert, andererseits ist damit zu rechnen, dass der Weltgemeinschaft mindestens auf lange Sicht (wenn nicht schon jetzt schon, peak oil ist nach Ansicht einiger Expert*innen schon überschritten) die fossilen Brennstoffe ausgehen, auf denen das Funktionieren ihrer Systeme beruhen. Wie sich als Individuum angesichts dessen verhalten? Wie Verantwortung übernehmen? Welches Engagement im Sinne der Befreiung von der globalen Abhängigkeit von Energieträgern kann ein*e Einzelne*r an den Tag legen?

Die Permakultur richtet sich an alle, die ein Bewusstsein für die Notwendigkeit eines globalen Wandels unserer Gesellschaften ob der beschriebener bedrohenden Lage haben, alle, die Verantwortung übernehmen wollen, nicht länger Teil des Problems sein wollen. Die Permakultur hat einen kollektiven, gesamtgesellschaftlichen Wandel im Sinn. Die Weltlage lässt einen Kollaps befürchten; die Permakultur ist ein Versuch, es zu diesem nicht kommen zu lassen und einen sanften Wandel in Richtung einer Lebensweise, die ohne Raubbau an der Natur auskommt, herbeizuführen.

Während die Natur in der herrschenden Wirtschaftsideologie als etwas aus mehreren kleinen Teilen Zusammengesetztes behandelt wird, von dem ein jeder einzelne als beherrschbar betrachtet wird und Wirkzusammenhänge zwischen den einzelnen Teilen ausgeklammert werden, ist die Permakultur das Gegenteil. In der konventionellen Landwirtschaft gilt das Paradigma der Produktionssteigerung. Mit diesem werden Monokulturen, massiver Einsatz von chemischen Düngern und Insektiziden und der Anbau genmanipulierter Pflanzen begründet. Bodenerosion, Insektensterben und soziale Verwerfungen sind die Folge (mehr dazu in einer kommenden Buchzusammenfassung). Die Permakultur nimmt die Natur als ein System von Interdependenzen ernst, als ein System interagierender Teilsysteme. Sie zielt darauf ab, „angenehme Lebensorte zu schaffen, die Nahrung, Energie, nützliche Materialien produzieren und dabei die Qualität der Böden, des Wassers, der Luft und die Beziehungen zwischen den Menschen zu verbessern.“ Folgendes Dreigestirn, wie es die Wortschöpfer der Permakultur Bill Mollison und David Holgren formuliert haben, bilden die ethische Basis der Permakultur: Sorge tragen um die Erde, Sorge tragen um den Menschen und gerechtes Teilen. Es geht darum, mit der Natur zu arbeiten und nicht gegen sie, sich von bestehenden Ökosystemen zu inspirieren und dabei auch noch Arbeitsaufwand einzusparen. „Permakultur, das ist das Kopieren der Strategien der Natur.“ Das Interesse der Permakultur ist das Konzipieren von Orten, die Symbiosen fördern. Das Wort Design ist zentral. Ein Garten, der im Sinne der Permakultur gestaltet ist, wird versuchen, Bäume und andere Schattenspender, Sträucher, Gemüsepflanzen, Wasserstellen, Hühnerställe, Bienenstöcke und anderes mehr so miteinander Beziehung zu setzen, dass die einzelnen Teilsysteme ideal voneinander profitieren und ein Gesamtsystem ergeben, das produktiv ist und einen geringen Arbeits- und Energieaufwand fordert. Es gibt Familien von Gemüsepflanzen, die sich gegenseitig hervorragend gegenseitig im Wachstum unterstützen: Es gibt zum Beispiel solche Pflanzen, die Insekten fernhalten, die für andere Pflanzen schädlich sind. Die gilt es, im selben Beet unterzubringen.

Was bedeuten diese ethischen Prinzipien im Einzelnen? Wenn es darum geht, Sorge um die Erde (im doppelten Wortsinne) zu tragen, beginnt ein Handeln im Sinne der Permakultur mit dem eigenen Konsum: Lebensmittel kaufen, die aus einer Landwirtschaft hervorgehen, die den Böden keine Schäden zufügt; Kleidung, für die das Gleiche gilt; sich auf umweltschonende Weise fortbewegen, das heißt das Fahrrad dem Auto vorzuziehen und idealerweise ganz aufs Fliegen zu verzichten. Es geht außerdem darum, allem Lebenden einem ihm innewohnenden Recht auf Leben zuzugestehen, „ohne Beachtung seiner indirekten oder indirekten Nützlichkeit für den Menschen.“ Zum zweiten Punkt: Sorge um den Menschen tragen – diese Sorge beginnt mit Sorge um sich selbst. Das Ziel ist es, ein Gleichgewicht zwischen der Einordnung des eigenen Handelns in globale Zusammenhänge und der individuellen Selbstentfaltung zu finden. Auf der kollektiven Ebene spielen Konzepte für eine wohlwollende Kommunikation eine Rolle. Die gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg – an anderer Stelle gab es dazu eine kurze Beschreibung – lässt sich ohne Weiteres in den Geist der Permakultur einordnen. Gerecht zu teilen setzt ein Bewusstsein über die Grenzen des Planeten voraus, die Grundhaltung, dass ein*e jede*r Erdenbürger*in auf gleiche Weise von seinen Ressourcen profitieren können sollte. Daraus leiten sich Imperative für den eigenen Konsum ab. Ist es zu verantworten, besinnungslos in der Welt herumzufliegen, wissend, dass keine andere individuelle Handlung so viel CO² freisetzt wie ein Flug, wissend dass Treibhausgase das Weltklima erhitzen, was in absehbarer Zeit gewaltige Teile der Menschheit in arge Bedrängnis bringen wird? Arbeit an sich selbst im Bewusstsein der Teilhabe an einem größeren Ganzen und seiner Verantwortung darin – so lassen sich diese drei Prinzipien in einem Satz unterbringen.

Die Permakultur ist ein ganzheitlicher Ansatz, der alle Lebensbereiche des Menschen im Blick hat. Diese Lebensbereiche sind das Wohnen, Technologie, Erziehung und Kultur, Gesundheit und Wohlbefinden, Finanzen und Ökonomie, Grundbesitz und Verwaltung sowie die Pflege der Natur und der Umwelt. In all diesen Bereichen sind Projekte im Geiste der Permakultur denkbar, es muss also nicht ausschließlich um Gartengestaltung gehen. Der Konzeption eines konkreten Projekts dienen zusätzliche Prinzipien, die als Wegweiser dienen.

David Holmgren hat 12 Prinzipien für die Konzeption eines der Permakultur verpflichteten Projekts formuliert, hier einige davon: Beobachten und auf Basis des Beobachteten mit der Natur interagieren; Energie sammeln und speichern; eine Produktion schaffen; Selbstregulation anstreben und Rückkopplungen akzeptieren; erneuerbare Ressourcen nutzen; keinen Müll erzeugen; kleine und langsame Lösungen suchen; der Vielfalt den Vorzug geben und von dieser Gebrauch machen. Das sind Prinzipien, die sich auf einen Garten anwenden lassen, aber genauso in den Alltag eines Städters, dem keine Grünfläche für Gemüseanbau zur Verfügung stehen, Einzug finden können: die Möglichkeiten eine*r*s Stadtbewohner*s*in, müllfrei zu konsumieren, nehmen zu.

Ziel ist es in jedem Fall, eine Lebensweise im Einklang mit der Natur zu finden, inspiriert vom Bewusstsein planetarer Grenzen.

Bei Gelegenheit soll es eine Fortsetzung zu diesem Artikel geben, in dem es konkret um das Design eines Gartens, der den Prinzipien der Permakultur verpflichtet ist, gehen soll.

Anderthalb weitere Monate auf der Farm de l’Aufrère

Es muss so um das erste Dezember-Wochenende gewesen sein, dass die halbe aufrèr’sche Bevölkerung zum ersten Mal seit einiger Zeit etwas mehr Bewegung riskierte, um zu demonstrieren. Die erste der beiden Demos fand an einem Freitag in Nantes statt und richtete sich gegen ein geplantes Gesetzespaket der französischen Regierung, das Polizisten schützen soll. Besonders in der Kritik stehen insbesondere ein Artikel, der das Verbreiten von Videos, auf denen die Gesichter von Polizist*innen nicht unkenntlich gemacht worden sind, verbieten soll. Und ein weiteres, das den Einsatz von Drohnen legalisiert – Drohneneinsätze gab es bisher zwar schon reichlich, jetzt soll es aber auch legal werden. Der erste Punkt ließ nicht darauf warten, ob de facto grassierender Polizeigewalt in Frankreich ohnehin schon erhitzte Gemüter auf die Straße zu treiben. Noch einmal möchte ich auf den Dokumentarfilm Un pays qui se tient sage erwähnen, in dem es um Polizeigewalt während der Gelbwesten-Proteste geht. Im Vorlauf der ersten an Demonstrationen dieser Art reichen Woche erschien im Netz ein Video, das zeigt, wie ein Pariser Musikproduzent in seinem Studio von Polizisten krankenhausreif geprügelt wird, nachdem dieser ohne Maske auf die Straße getreten war. Seines Irrtums bewusst werden, kehrt er in sein Studio zurück, die Polizisten hinterher. Öl ins Feuer.

Aus meinem unmittelbaren Bekanntenkreis aus meiner Pariser Zeit habe ich auch ein Beispiel parat: Mein Arbeitgeber, der, bevor er das Projekt leitete, für das ich engagiert wurde, als Mediator arbeitete, wurde ohne Anlass von Polizisten angegangen und gewaltsam abgeführt – während er in seiner Eigenschaft als Mediator auf den Straßen Gennevilliers unterwegs war. Traumatisiert wechselte er die Tätigkeit. Monsieur Dramé hat sich dafür eingesetzt, dass sein Fall eine Öffentlichkeit findet. Vor allem für die Frankophonen hier ein Video, das im Netz große Verbreitung gefunden hat: https://www.youtube.com/watch?v=uX8PFSIY5Aw

Ich hatte völlig vergessen, dass ich das schon einmal verlinkt habe. Egal, doppelt hält besser.

In Nantes weiß man indes von Polizeigewalt auch ein Lied zu singen. Eine symbolische Figur ist Steve geworden, der am 22. Juni 2019, Tag der fête de la musique, im Zuge eines unverhältnismäßig harten Polizeieinsatzes in die Loire gestürzt und ertrunken ist. Unter anderem mit oben zu sehenden kreativen Straßenschildabwandlungen drückt sich die Erinnerungskultur in Nantes zu diesem Fall aus.

Zur Demo selbst: Im Vergleich sehr friedlich. Irgendwann begannen einige Vermummte, Vitrinen zu zerdeppern; da halte ich persönlich nicht viel davon, den Kapitalismus schafft man so nicht ab. Daraufhin flogen einige Gasgranaten. Vier kleine Explosionen. Meine Mit-Spaziergänger habe ich für eine halbe Stunde verloren.

Demo Nummer zwei fand am nächsten Tag etwa 20 Minuten Fahrzeit von der Farm entfernt auf einem Gewerbegebiet statt, an dem eine Amazon-Ansiedlung geplant ist. Etwa 2500 Leute waren da.

Einige Gründe dafür, dass Amazon sterben muss: Amazon tötet Gewerbe in den Städten – wenn alle dazu übergehen, ihren Krempel bei Amazon zu bestellen statt sich in Geschäfte zu bequemen, haben letztere keine Chance. Ein weiterer Punkt sind die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und Arbeitsbedingungen. „Promo Amazon – 1 emploi pour le prix de 3“ – „Promo Amazon – 1 Arbeitsplatz zum Preis von 3“ las man auf der Banderole einer Gruppe von Demonstrant*innen von Exinction Rebellion. Auf einer anderen heißt es: „Un monde plein de Bezoz – des salariés sans pesos“ – „Eine Welt voll von Bezoz [der Gründer von Amazon] – Angestellte ohne Pesos“. In der Kritik steht Amazon auch dafür, seine Steuern nicht zu zahlen. Amazon ist ein Symbol für ein Gesellschaftsmodell, in der die Bürger*in ihre Daseinserfüllung darin findet, zu konsumieren, im Sinne der Wirtschaft. Amazon macht es tatsächlich leicht, immer mehr und immer schneller Klimbim anzuhäufen. Das heizt die Produktion an und ist gut für’s BIP – das BIP fragt aber nicht nach ökologischen Schäden. Amazon steht für Transportwege um die ganze Welt und die Konzentration von Vermögen in den Händen eines Einzelnen. Ersteres geht nicht ohne Energieverbrauch und CO2-Ausstoß. Angesichts einer drohenden ökologischen Katastrophe sind kurze Transportwege und kleine Wirtschaftskreisläufe nötig. Wir können aber auch die Katastrophe abwarten, dann ergibt sich die Notwendigkeit von ganz allein. Schließlich ist es auch für die unmittelbare Nachbarschaft eine Zumutung, jeden Tag Konvois von LKWs vor der Haustür vorbeirattern zu hören und zu sehen. Die Städte sind schon schmerzhaft reich an zivilisatorischen Rümpelkammern* an ihren Rändern: keine Stadt ohne ihre eigene Ödnis an zubetonierten Flächen und Gewerbehallen an ihren Ortseingängen. Noch einmal sei die Dokumentation zu Amazon in der Mediathek von arte empfohlen. In der Regel tauchen diese Dokus in regelmäßigen Abständen wieder auf.

Kurz und gut: Amazon gehört gründlich boykottiert.

Statt Amazon ist leider etwas sehr viel Wertvolleres abgewickelt worden: FIP Nantes gibt es seit einigen Tagen nicht mehr. FIP ist meiner Meinung nach der beste Radiosender der Welt. Zu meiner allergrößten Freude bei meiner Ankunft läuft auf der Farm beinahe ausschließlich FIP. FIP läuft also immer noch, nur leider eben „nur noch“ die Pariser Variante. Die ist auch ganz fabelhaft und hat mir nicht schlecht Beistand während des ersten Lockdowns geleistet. Die Radiostimme in Nantes ist allerdings die, die mir deutlich besser gefällt, und auch die Mischung ist eine andere. Die Stimme aus Nantes war es im Übrigen, die während des ersten Lockdowns auch in Paris die wiederkehrenden besänftigenden Botschaften gesprochen hat: „Ici on dort pas, on rêve.“ – und dergleichen mehr. Die lokale Variante hat mit Konzert-Empfehlungen aus der Region aufwarten können. Ich fühle mit allen mit, die FIP Nantes über Jahre treu gewesen sind und den Verlust bedauern. Die zentralisierte Variante von FIP kann man übrigens auch im Internet hören. Da könnt ihr euch gern überzeugen, dass es der beste Radiosender der Welt ist.

*Dank an Juli Zeh für dieses wunderbare sprachliche Bild

Auf der Farm de l’Aufrère wurde in der Zwischenzeit natürlich auch gearbeitet. Die Arbeit an der künftigen Gemeinschaftsküche geht voran. In der ist es im Moment noch ziemlich zugig. An einem Wochenende wurde in Gemeinschaftsarbeit ein ganzes Stück Gemäuer mit einer Fugenmasse aus gelbem Kalk versehen. Für künstlerischen Ausdruck war dabei auch Platz. Da der Gemüsemensch zwei Wochen lang im Urlaub ist, habe ich mir als Alternativbeschäftigung für die Zeit bis nach Neujahr die Arbeit an weiteren Mauerstücken ausgesucht.

Ansonsten ging es weiter mit Erntearbeiten in den Gewächshäusern und den Kohl-, Karotten- und Lauchfeldern. Das Stahlgerüst eines siebten Gewächshauses steht, nach einigem herausfordernden körperlichem Einsatz. Am Tag der heiligen Katharina – wer erinnert sich an die gereimte Weisheit aus einem vorhergehenden Blogeintrag? – gab es eine Baumpflanzaktion am Rande der Artischocken-Parzelle.

Dieses Lämmchen ist gerade noch einmal dem Tod von der Schippe gesprungen.

Alexis, der sich in den Gemeinschaftsräumen nur selten blicken lässt, bäckt Brot und kümmert sich um eine kleine Schafherde. Vor wenigen Tagen sind einige Lämmer auf die Welt gekommen, von denen eins von seiner Mutter nicht angenommen wurde. Es erging daher das Angebot, dass man sich hier auf der Farm um das arme Tier kümmert, ansonsten würde es sehr bald sterben. Da fanden sich natürlich sofort einige Leute mit einer leeren Kammer in ihren geräumigen Herzen und so fand sich alsbald das obige Tier in einem kleinen leeren Schuppen wieder, in dem es mit der Flasche gefüttert werden würde. Die wollte es aber nicht. Das war schon etwas sonderbar, denn es hätte völlig ausgehungert sein müssen.

Am nächsten Morgen, bei der zweiten Fütterung, bei der ich dabei sein durfte, erreichte uns die Nachricht, dass wir uns im Tier geirrt haben. Das hatte einen kleinen Ausflug zu Alexis‘ Schafherde zur Folge, Schnuckiputziwutzi durfte sich unter meinem Arm zum Auto tragen lassen und sich auf meinem Schoß niederlassen.

Das richtige Lämmchen wartete schon am Zaun, entrückt von der Herde, darauf, mitgenommen zu werden. Erst galt es aber, das falsche Lamm wieder seiner Mutter zuzuführen. Die richtige Mutter war nach etwa einer Viertelstunde gefunden. Erleichterung: Es sah so aus, als würde sie ihr Kind erkennen und als wäre die kleine Familie wieder fröhlich vereint. Dann gab es aber doch Unsicherheiten von Seiten der Mutter. Nach einem Duftvergleiches ihres anderen Sprösslings mit unserem Lamm kamen Unsicherheiten auf, und unser Kleines wurde immer wieder mal hart von der Mutter angegangen und umgeschupst. Außerdem sah es danach aus, als hätte es Probleme, die Zitze zu finden. Nun, wir machten uns vom Acker in der Hoffnung, dass sich das in der nächsten Zeit schon richten würde und der Duft, den wir am Tier hinterlassen hatten und der bestimmt für die Irritation gesorgt hat, sich schon verflüchtigen würde.

Zurück kamen wir jedenfalls mit Schnuckiputziwutz Nummer 2, und dieser Wonneproppen hatte nicht die geringsten Schwierigkeiten, Nahrung aus der Flasche anzunehmen.

Das Leben des Kleinen auf der Farm d l’Aufrère währte einen Abend. Zu dem tierischen Inventar der Farm gehört auch ein im Kopf einigermaßen zerschossenener Jagdhund – ja, Jagdhund, denn Jean-Jean, der Bruder des Farmbesitzers, altes Semester, frönt diesem zweifelhaften Vergnügen. Nun gab es in der Vergangenheit allerdings einige Probleme mit Filou: Frei herumlaufend, fing er irgendwann damit an, die Tiere der Farm zu attackieren, weil er zwischen Wild und domestiziertem Viehzeug nicht mehr unterscheiden konnte. Damit war es mit der Freiheit vorbei. Außer einigen Spaziergängen an der Leine war für ihn nicht mehr viel an Bewegung drin. So richtig einverstanden war mit dem neuen Umgang mit Filou anscheinend niemand, aber man hat Jean-Jean machen lassen. Nach einigen Jahren nun hielt Jean den Moment für gekommen, Filou wieder Bewegungsfreiheit zu gönnen. Es entspinnt sich ein Massaker: Zwei tote Hühner und ein hingemordetes Lamm.

Das Lamm auf dem Bild ist indes hoffentlich wieder in den Schoß der Familie integriert.

***

Von Gewalt im Tierreich (für die der Mensch in diesem Fall deutlich Verantwortung trägt, denn so ein Jagdhund ist irgendwann auch mal abgerichtet worden) zu Gewalt in der Kommunikation:

Nachdem ich schon im Centre de Partage darauf scharf gemacht wurde, hatte ich hier das Glück, ein Exemplar von Marshall Rosenbergs Einführung in die gewaltfreie Kommunikation in die Hände zu bekommen.

Ein Zitat am Eingang seines Buches macht klar, worum es geht: „Was ich suche im Leben ist Wollwollen, ein Austausch mit anderen, der motiviert ist von einem Elan, der von Herzen kommt.“ Handlungen, die von Herzen kommen, stehen Handlungen gegenüber, die nicht von einem inneren Bedürfnis heraus entstehen. Eigene Bedürfnisse nehmen für die GFK (kurz für gewaltfreie Kommunikation) einen ganz zentralen Stellenwert ein. Es dominiert in unserer Gesellschaft eine Sprache, die reich ist an Urteilen und die, so Rosenbergs These, dem Entstehen von Gewalt Vorschub leistet. Urteile (wie etwa du bist faul, du bist eiskalt, du bist egoistisch) haben tendenziell zur Folge, dass sich die*der Angesprochene verschließt. Außerdem sind solche Urteile ein Ausdruck davon, dass die*derjenige, die sie formuliert, Schuld beim anderen sucht. Das spricht für Rosenberg dafür, dass die Sprecher*in keine Verantwortung für seine eigenen Emotionen und Bedürfnisse übernimmt, denn Urteile seien Ausdruck eigener Gefühle und Bedürfnisse. Hinter dem Urteil du bist faul verbirgt sich in einer Situation, in der ein Mensch, mit dem man einen Haushalt teilt, vielleicht, dass der*die Angesprochene nicht so ordentlich ist, wie der*die Sprecher*in es vielleicht wünscht. Eine Beobachtung in Worte zu fassen, die Emotion zu benennen, die das Handeln des anderen auslöst, das zugrunde liegende Bedürfnis auszumachen und ebenfalls zu benennen und schließlich eine Bitte zu formulieren sind der Vierschritt der GFK, der einen wohlwollenden Umgang befördern. Beobachtung – Emotion formulieren – Bedürfnis benennen – Bitte ausdrücken. Wohlwollen liege in der menschlichen Natur, die in unserer westlichen Gesellschaft eingeübte Kommunikation, die Emotionen als fehlerhaft diskreditiert, versperrt den Weg zur Entfaltung dieses Wohlwollens. Jeder Mensch sei empathiefähig. Über Empathie gelingt es uns, uns den Bedürfnissen anderer zu öffnen, Gehör für die eigenen Bedürfnisse zu finden und Konflikte zu lösen. Urteile lösen Schuldgefühle aus, Handlungen, die von Schuldgefühlen motiviert sind, sind eben nicht solche, die von Herzen kommen (kitschige Formulierung, sagt Rosenberg selbst), die zu einer Störung im Verhältnis mit der*dem anderen führen und langfristig einer Beziehung und dem eigenen Wohlbefinden schädlich sind. Handlungen aus dem Gefühl der Schuld heraus sind eben solche, die nicht mit unseren Bedürfnissen übereinstimmen. Im konkreten Beispiel des nicht übereinstimmenden Ordnungsbedürfnis wird der*die Angesprochene eher bereit sein, seine Schuhe wegzuräumen, wenn sich die Person mit dem gestörten Bedürfnis nach Ordnung der GFK bedient als wenn ihr Gegenüber mit einem Urteil konfrontiert wird.

Die Einführung in die GFK ist eine Anleitung zur Übernahme der Verantwortung für die eigenen Gefühle (denn, so schreibt Rosenberg, die Handlungen anderer können der Auslöser eigener Emotionen sein, niemals allerdings der Grund), eine Anleitung, sie zu benennen, die auf sie zurückzuführenden Bedürfnisse auszumachen und im Ergebnis zu einem wohltuenden Miteinander zu kommen. Urteile gegen sich selbst – denn diese sprechen nur für unbefriedigte eigene Bedürfnisse – spielen dabei eine ebenso große Rolle wie ein empathischer Umgang mit den Äußerungen anderer – selbst in schwierigen und gespannten Situation. Wie sich selbst vergeben? Welche Sprache spricht für einen Einklang der eigenen Handeln mit seinen Bedürfnissen? Wie vollständig und ohne Urteile seine Wut ausdrücken? Wie auf negative Botschaften reagieren? Wie mit Empathie zuhören? Das sind einige Fragen, die das Buch behandelt.

Die Tragweite der GFK ist nicht nur individuell, sondern gesamtgesellschaftlich. Im Allgemeinen pflegen wir eine Kommunikation, die uns von unseren Gefühlen und Bedürfnissen trennt, die sie als fehlerhaft und korrekturbedürftig etikettiert. Diese entfremdenden Kommunikation ist „ein Pfeiler von Gesellschaften, die auf den Prinzipien der Hierarchie und Herrschaft“ gegründet sind. In seinem Buch Gemeinwohlökonomie, in dem Christian Felber ein alternatives Wirtschaftsmodell zum herrschenden entwirft, gibt es ein Kapitel zu Erziehung und Schule. Unter den sieben Unterrichtsfächern, die seiner Meinung an Schulen eingeführt werden sollten, gehört das Fach Kommunikation, in der die GFK den Grundton ausmacht. Ich bin zu einhundert Prozent seiner Meinung. Ich habe vor allem die französische Grundschule im Kopf, meine Eindrücke von dieser liegen weniger lang zurück als meine eigene Schulzeit. Es ist ein ständiges Gebieten, Verbieten, Monieren, Schuldzuweisen, Strafe-Androhen, dem die Kleinen von früh aus ausgesetzt sind. Daraus besteht unser Leben auch außerhalb der Schule, insofern bekommen französische Schüler*innen die volle Ladung ab von all den unangenehmen Aspekten des Lebens in unserer Gesellschaft, in der es gilt, innerhalb von Hierarchien zu funktionieren. Ein gelungener Umgang mit unseren Mitmenschen und unseren eigenen Bedürfnissen ist beglückend, so die These, beglückender als das Anhäufen von Klimbim. Gesellschaftlicher Wandel schließt die Frage der Kommunikation unter allen Akteur*innen mit ein. Und dieser ist unfraglich nötig, wenn es darum geht, Alternativen zu einer die Ökosphäre hemmungslos zurichtenden Wirtschaftsordnung zu finden.

In jedem Fall sei die Lektüre Marshall B. Rosenbergs Einführung in die gewaltfreie Kommunikation sehr empfohlen. Mir hat sie wertvolle Erkenntnisse beschert und war gar reich an kathartischen Momenten. Schnell in den nächsten Buchladen und bloß nicht zu Amazon!

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Das große Weihnachtsessen liegt indes hinter uns. Zwei Tage danach verschwinden auch die letzten Reste in den Mägen. Mein Stollenexperiment war erfolgreich. Für kurze Zeit entschwindet der große Teil der Bewohner*innen der Farm. Es wird deutlich ruhiger. Ach, was haben wir uns in der Zwischenzeit amüsiert. Empfohlen sei das Spiel Schutzengel, bei dem jede*r Teilnehmer*in den Namen eine*s*r anderen Teilnehmer*in zieht. Für diese*n ist man dann für eine Woche oder auch mehr der Schutzengel, der anonym und möglichst unbemerkt seinem Schützling hin und wieder kleine Aufmerksamkeiten – zu meist in Form von Süßigkeiten – erweist. Wir hatten eine schokoladenreiche Zeit.

ZAD – zweiter Lockdown

In Frankreich drückt sich Protest gegen geplante Großprojekte gerne mit Besetzung aus. Ein prominentes Beispiel der Region, in der ich mich gerade aufhalte, ist der Flughafen von Notre-Dame-des-Landes, der nördlich von Nantes hätte entstehen sollen. Aus einem Projekt einer Zone d’Aménagement Différée (in etwa: Zone in der sich was ganz Tolles ansiedelt) wurde eine Zone à Défendre (zu verteidigende Zone – schon aufgrund der Übersetzbarkeit ist dieser gegenüber der ersteren der Vorzug zu geben). Notre-Dames-des-Landes ist keine ZAD mehr, weder im einen, noch im anderen Sinne. Der Protest war erfolgreich. Über Jahre war das allerdings eine ziemlich heiße Angelegenheit.

Seinen Anfang nimmt die Geschichte um das Flughafenprojekt Ende der 60er. Prognosen zufolge werde der Flughafen von Nantes in absehbarer Zeit zu klein sein, hieß es damals. Einen geeigneten Ort für das geplante Rotterdam des Flugverkehrs findet man in der Nähe von Notre-Dame-des-Landes. Damit einher würde die Enteignung von einigen Landwirten gehen, die auf dem ausgewiesenen Gebiet aktiv sind. Schon damals formiert sich Widerstand von Seiten der Landwirte. Im Zuge des zweiten Erdölschocks Ende der Siebziger wird das Projekt auf Eis gelegt. Ende der Neunziger wird das Projekt wiederbelebt und mit ihm der Widerstand dagegen, der allerdings ganz neue Ausmaße annimmt. Mit den Landwirt*innen solidarisieren sich Menschen aus der ganzen Region. Im Jahr 2007 siedeln sich die ersten Besetzter*innen auf dem Gelände des geplanten Flughafens an. Im Laufe der Jahre entstehen zahlreiche kleine Bebauungen der Besetzer*innen. In der Zwischenzeit wird auf politischer Ebene der Bau des Flughaufens beschlossen: es fällt die Entscheidung, dass es sich beim Flughafen um ein für die Öffentlichkeit nützliches Projekt handelt; das nennt sich dann DUP, Décision d’Utilité Publique. Damit räumt sich der Staat das Recht ein, alle, die auf dem betreffenden Gebiet Angesiedelten zu enteignen, was in diesem Falle die Landwirt*innen betroffen hätte. Diese Nützlichkeit wird allerdings von breiten Teilen der Öffentlichkeit in Frage gestellt. Es formiert sich also ein breiter Protest gegen dieses weitere projet inutile – unnütze Projekt. Es wird viel demonstriert, von Nantes bis nach Rennes und auch landesweit ziehen Protestaktionen Leute nach Notre-Dame-des-Landes. Ende 2012 gibt es eine Demonstration, die zwischen 12 000 und 40 000 Demonstrant*innen nach Notre-Dame-des-Landes zieht. In Nantes selbst wird auch demonstriert. Bei einer Demonstration 2013, bei der ein ziemlich breites Spektrum der Gesellschaft friedlich demonstriert – zahlreiche Familien mit Kindern sind auf der Demo – geizt die Polizei nicht mit Tränengas. Für eine der Bewohnerinnen der Ferme de l’Aufrère war das der Moment, an dem sie sich sagte, sie gehe nie wieder demonstrieren. Die Polizei ist völlig ausgerastet. Nun, eine ganze Weile gab es ein kräftiges Tauziehen zwischen den politischen Verantwortlichen (zu der Zeit waren das die Sozialist*innen) und den Gegner*innen des Projekts. François Hollande sah sich schließlich veranlasst, ein Referendum in der Region durchzuführen. Eine knappe Mehrheit sprach sich für den Flughafen aus. Das führte aber nicht dazu, dass die Protestierenden ihren Widerstand aufgegeben hätten. Das Referendum hätte keine Tragweite, man hätte das Abstimmungsgebiet viel größer fassen müssen. Das Projekt sei im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung einer viel größeren Region geplant, entsprechend hätte man zumindest auch Rennes befragen müssen. Es gibt in der Folge regelmäßig Versuche der Polizei, schwergepanzert, unter Einsatz von jede Menge Tränengas und LBDs (das ist ein Gewehr, das Gummigeschosse verschießt, die verheerende Körperschäden anrichten können – während der Gelbwestenprotesten haben aufgrund von LBDs einige Leute Augen verloren) das Gebiet von Besetzern zu befreien und die errichteten Konstruktionen abzureißen. Das Gelände wird mehrfach geräumt, aber die Besetzer*innen kehren unbeirrt zurück. Mit dem Amtseintritt von Macron wird das Flughafenprojekt abgeblasen, nachdem die Entscheidung über die Nützlichkeit des Flughafens revidiert wurde. Damit einher müsse aber ein Ende der Besetzung gehen. Der Atem der Gegner*innen hatte sich als zu lang erwiesen. Die Landwirt*innen feiern ihren Erfolg und sind zufrieden, der bürgerlichere Teil des Protestes freut sich auch, für sie ist das Ziel erreicht. Auf der anderen Seite gibt es aber noch die, die bis an Ende gehen (les jusq’au-boutistes – ein weiteres Kompositum des Französischen, das mir gefällt), die Besetzer*innen, die das Gelände weiter besetzt halten wollen. Diese fühlen sich verraten von den Landwirt*innen, die an weiteren Konfrontationen kein Interesse haben. Es folgt eine letzte Räumung der ZAD mit ganz besonders viel Polizei. Es geht zur Sache, von beiden Seiten. Zwischen den verschiedenen Teilen der Flughafengegner*innen gibt es bis heute böses Blut.

Für mich ist die ZAD von Notre-Dame-des-Landes ein geradezu mythischer Ort. Aus der Ferne habe ich das Geschehen dort seit Beginn meines Studiums verfolgt. Ein Referat von 45 Minuten in einem meiner Französischkurse habe ich dazu ausgearbeitet. Als ich mich auf den Weg in Richtung Aufrère machte, war mir erstaunlicher Weise gar nicht in den Sinn gekommen, dass Notre-Dame-des-Landes ja um die Ecke liegt. Mit der ZAD ist ein großer Teil der Leute hier über unterschiedliche Arten des Protests in Berührung gekommen. Mein Co-Wwoofer hat dort zum Beispiel mal eine Hütte mitkonstruiert. Eines der jungen Familienmitglieder der Farm war regelmäßig vor Ort und ist auch heute noch gut mit Leuten vernetzt, die dort in der Landwirtschaft aktiv sind.

Der Einbetonierungswahn im Sinne eines Wirtschaftswachstums, das sich um die Umwelt und planetare Grenzen der Ressourcenausbeutung einen Dreck schert, ist damit natürlich nicht beendet. Macron und seine Partei La République en marche sind dem Neoliberalismus verhaftet. Vor nicht langer Zeit hat das Parlament ein Gesetz beschlossen, dass die Schaffung von Industriegebieten beschleunigt: mit ihm werden bürokratische Hürden reduziert und Prüfverfahren vereinfacht. Es sollen demnächst einige Industriegebiete clé en main – Schlüssel in der Hand – entstehen: Der Staat kümmert sich darum, eine Infrastruktur zu schaffen, die es Unternehmer*innen sehr leicht machen soll, sich anzusiedeln. Eines dieser Gebiete soll am linken Loire-Ufer einige Kilometer hinter Nantes in Richtung Atlantikküste auf 110 ha entstehen. Seit einigen Wochen gibt es auch dort eine ZAD, die sich der geplanten Einbetonierung der Natur widersetzt. Das Interesse daran meinerseits, sich das mal anzuschauen, war groß. Und damit war ich nicht allein. Es fand sich dann auch eine Gruppe von vier Leuten, die sich von der Farme de l’Aufrère aus auf den Weg nach le Carnet machten, wo über ein Wochenende lang jede*r dazu eingeladen war, an Konstruktionsarbeiten teilzunehmen. Zur Zeit sind vielleicht zwanzig Besetzer*innen auf dem Gelände, nicht gerade die Welt. An verschiedenen Ecken entstehen dort Hütten für eine gemeinschaftliche Nutzung. Darüber hinaus werden aber auch Gräben gebuddelt, um zu erwartende Räumungsaktionen zu erschweren. Mein Co-Wwoofer und ich haben uns die nette Aufgabe gesucht, mit einem selbstgebastelten – allerdings nicht von uns – Anhänger, den man auch ganz gut mit der Hand ziehen konnte, einen Stoß von Paletten von A nach B zu ziehen. Fünf Paletten waren allerdings schon zu viel. Dem läppischen Gefährt verzog das Gewicht eine der Achsen. Das Teil war damit mehr oder weniger kaputt. Der zweite Teil unseres Aufenthaltes war der Aufgabe gewidmet, den Anhänger zu reparieren und sogar zu verstärken, auf dass andere nach uns Zeug durch die Gegend ziehen können.

Viel Hoffnung kann man sich für diese ZAD nicht machen. Mit dem neuerlichen Lockdown ist es so gut wie unmöglich, nötige Proteststrukturen zu erweitern. Es ist nur unter bestimmten Bedingungen – Einkäufe, Arbeit – erlaubt, sich über den Radius von einem Kilometer hinaus von seinem Wohnort zu entfernen. Die zwanzig bis dreißig Besetzer*innen, die zur Zeit vor Ort sind, werden wenig reißen.

Indes wurde in Frankreich also der zweite Lockdown verkündet. Damit fallen meine Pläne für November erst einmal ins Wasser. Mein Lockdown werde ich auf der Ferme de l’Aufrère verbringen. Ich bin unendlich froh, dass mir dieses Angebot gemacht wurde und unendlich froh, es angenommen zu haben. Besser kann man es kaum treffen. Wir sind hier ungefähr 25 Leute, ich werde weiterhin bei der Gemüseernte mithelfen (es gibt auch die Option, beim Zuschneiden der Weinreben dabei zu sein). Darüber hinaus wurde bei der Krisensitzung einen Tag nach der Verkündigung des Lockdowns besprochen, wie wir die nächste Zeit gestalten, damit hier niemandem die Decke auf den Kopf fällt. Ein Workshop wird den nächsten jagen: Jonglage, Gesang, Stricken, ein Deutschkurs – den letzten biete natürlich ich an. Hervorragende Gelegenheit, mich weiter in Total Physical Response zu üben, die ultimative Methode für einen angstbefreiten und am Erstspracherwerb orientierten Sprachunterricht. Im Moment gibt es sechs Interessierte. Es wird ein Heidenspaß. Und dann wird es noch den einen oder anderen Filmabend mit Leinwand, so einige mit Kartenspielen verbrachte Nachmittage und einige Spaziergänge im Wald geben. Luxus-Lockdown. Der Kontrast zu meinem ersten in der Pariser Banlieue könnte größer nicht sein. Es wird ein Fest.

La ferme de l’Aufrère

Die zweite Oktoberhälfte hielt für mich ein Wwoofing in der Nähe der Atlantikküste bereit, nicht allzu weit von Nantes entfernt. Von dem nächstgelegenen Bahnhof wurde ich von Marie abgeholt, die mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im Alter zwischen Anfang und Ende zwanzig einen Bauernhof in Familienbesitz betreibt. Auf der Autofahrt taten sich rechts und links Weinreben auf. Die Farm beherbergt neben den Familienmitgliedern, von denen eines sich gerade in der Auvergne für die Kastanienernte herumtreibt, eine ganze Menge an anderen Leuten, die sich entweder in einer Wohnung in dem um einen Hof gruppierten Gebäudeensemble eingemietet haben, ein Bungalow bewohnen – so wie die Wwoofer*innen –, oder sich dauerhaft mit ihrem Wohnwagen auf dem Gelände installiert haben. Eine Stroh-Jurte (darin wohnt ein Herr, der an einem anderen Ort Brot bäckt und darüber hinaus in einem Saal der Farm mit seiner Band rein instrumentalen Rock probt – was wahnsinnig gut klingt; man ahnt etwas von solcher Qualität eher nicht in ländlicher Abgeschiedenheit) und umgebaute LKW-Anhänger gehören auch zu den Wohngegebenheiten.

Einige Leute sind voll in die täglichen Aktivitäten der Farm involviert, andere sind anderweitig beschäftigt, nehmen aber aktiv am Leben auf der Farm Teil. Es gibt da zum Beispiel eine Frau, die vor einigen Monaten als Wwooferin hier war und ihren Aufenthalt verlängert hat, indem sie sich für den Winter hier einmietet. Die Gute hat sich ein Pferd gekauft, das auf verschiedenen Wiesen der Farm weidet, gemeinsam mit zwei Eseln. Einige Tage nach meiner Ankunft sind die Tiere vor unseren Bungalow gezogen. Hervorragende Gesellschaft. Und dann gibt es sonstige Bekannte, die auf der Durchfahrt sind und auf der Farm Halt machen.

Und dann gibt es noch jede, die woanders wohnen, aber nahezu täglich auf der Farm zu sehen sind, weil sie hier arbeiten: Das sind zum Beispiel ein junger Mensch, der sich auf einigen Parzellen im Familienbesitz als Winzer betätigt, und die Leuten, die im Gemüseanbau auf der Farm ihre Beschäftigung finden. Zu denen zählt Boris, der den Wwoofer*innen zu tun gibt. Abgesehen von meinem ersten auf der Farm verbrachten Wochenende, an dem alle Welt ausgeflogen zu sein schien, tobt und blüht das sprühende Leben. Ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zum blühenden, sprühenden Leben gehört in diesem Kreis von vor allem Mitt-Zwanzigern reichlich Alkohol und der ein oder andere Joint. Allabendlich trifft man sich zum gemeinsamen Apéro vor der Kulisse des Sonnenuntergangs. Während der in der Regel von Marie zubereiteten Mahlzeiten sind wir an die 12.

Die Farm ist Teil einer AMAP – Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne – Verein für den Erhalt einer bäuerlichen Landwirtschaft. Ziel ist es – und hier bediene ich mich in großen Teilen der AMAP-Webseite –, eine bäuerliche und biologische Landwirtschaft zu erhalten, die es schwer hat, sich gegen industrielle Landwirtschaft durchzusetzen. Es gibt einen direkten Kontakt zwischen den Produzent*innen und den Kund*innen. Die Kund*innen schließen einen Vertrag mit einer AMAP ab. Sie zahlen im Voraus und erhalten ein- bis mehrmals wöchentlich eine Kiste mit Obst, Gemüse und sonstigen Erzeugnissen. Die Kisten werden auf den Farmen abgeholt, wodurch der Kontakt zustande kommt. Auf diese Weise bekommen die Kund*innen einen Einblick in den landwirtschaftlichen Betrieb, der ihre Lebensmittel produziert und sind im Idealfall gern bereit, einen im Vergleich zu Produkten im Supermarkt (um einiges) höheren Preis zu zahlen, der aber in jedem Fall angemessen ist. Durch den Wegfall von Zwischenhändlern ist gesichert, dass die Produzent*innen nicht ausgebeutet werden.

Mein Bungalow teile ich mir mit Alan, seines Zeichens Biologe und seit einigen Monaten arbeitslos und von seiner Arbeitslosigkeit zu profitieren weiß. Auch er ist wwoofend unterwegs, für anderthalb Monate war er diesen Sommer in Schottland. Sein Broterwerb bestand zuvor darin, Gewässerkontrollen durchzuführen, die Ursachen für mangelnde Qualität und den damit einhergehenden Rückgang an Artenvielfalt auszumachen und daraus Handlungsvorschläge abzuleiten. Das Büro, für das er arbeitete, ist zwar von öffentlichen Geldern finanziert, die Resultate ihrer Arbeit finden in der Politik allerdings wenig Gehör. Wo es Profit-Interessen gibt, da interessiert die Natur wenig. Entsprechend frustrierend und sinnentleert kann eine solche Tätigkeit erscheinen, wenn den Berichten und Empfehlungen entgegen gehandelt wird; so war es jedenfalls der Fall für Alan. Eine ähnlich traurige Geschichte hatte eine ehemalige Wwooferin zu erzählen, die für einen Tag bei der Ernte dabei war: Naomi hat in Paris als Sozialarbeiterin in einer Unterkunft für Minderjährige gearbeitet. Das stellte sich so dar, dass dafür ein abgeranztes altes Gebäude zur Verfügung gestellt wurde, die Minderjährigen mitsamt den Sozialarbeiter*innen hinausgeworfen wurden und diese sich eben darum bemühten, auf sich allein gestellt zurechtzukommen. Unerträglich wurde ihr Beruf für sie, als sie sich mehr und mehr dessen Gewahr wurde, Erfüllungsgehilfin einer regressiven Flüchtlingspolitik zu werden: Sie hatte mit reichlich Kindern und Jugendlichen zu tun, die von ihren Eltern getrennt wurden, damit man letztere bequemer in die Abschiebehaft geben konnte. Nach drei Jahren: burn-out. Jetzt wwooft sie ein bisschen, ihrer Pariser Wohnung entledigt (ein Gefühl der Freiheit für sie), plant einen Umzug in die Bretagne und macht einen langen Erholungsurlaub. Zu den Miseren des französischen Staates zählt nicht zuletzt das gewaltsame Vorgehen gegen Demonstrant*innen der Polizei, die ich in die Aufzählung hineinnehmen möchte, nachdem ich mir in Nantes mit einigen Leuten der Farm eine Doku zur Polizeigewalt während der Proteste der gilets jaunes, der Gelbwesten, angeschaut habe: Un pays qui se tiens sage – Ein Land, das sich für brav hält. Mein Bild von der französischen Polizei hat dadurch keinen Wandel erfahren, es war mir schon lange vorher klar, dass diese eine ganz besonders unsympathische ist. Der Leiter des Projektes, für das ich in meiner Pariser Banlieue gearbeitet habe, ist während seiner Arbeit für die Stadt als Mediator Opfer von Polizeigewalt geworden. Er hatte das Glück, dass jemand die Szene filmte. Über verschiedene Kanäle hat seine Geschichte Verbreitung gefunden. Ich verlinke mal ein Video für alle Frankophonen: hier. Was die Gelbwesten betrifft: Nicht wenige haben Augen und Hände verloren. Der Film, den wir gesehen haben, ist reich an erschütternden Bildern, reich an Szenen, in der die Polizei ohne Not auf Leute eindrischt. Die französische Polizei ist die einzige in Europa, die in ihrem Waffenarsenal Gegenstände aufzubieten hat, die als Kriegswaffen eingestuft werden. Die französische Polizei dient mit ihrem Vorgehen als beispielgebend für autoritäre Regime. Fürchte dich vor der französischen Polizei. Macron hat indes während der Proteste der gilets jaunes mit dem Satz auf sich aufmerksam gemacht, dass es schlicht inakzeptabel sei, in einer Demokratie das Vorgehen der Polizei zu kritisieren. Kontrolle haben als demokratisch deklarierte Institutionen anscheinend schlicht nicht nötig. Mir wird immer und immer schlechter, wenn ich an diesen Mann denke. Ich finde bestimmt noch einige Male Gelegenheit, mich über Macron aufzuregen, ich möchte aber jetzt schon einmal festhalten, dass ich ihn für einen der großen Totengräber der Menschheit halte – natürlich vor allem von einem ökologischen Standpunkt aus betrachtet. Aber ich schweife ab. Adan und Naomi sind jedenfalls Beispiele für Menschen mit potenziellen positiven gesellschaftlichen Wirkeffekten, denen der Staat gründlich ins Handwerk gefuscht hat und sich nun neu orientieren.

Für die Arbeit rund ums Gemüse sind wir in der Regel zu fünft. Der Traktor karrt leere Gemüsekästen zu den Gewächshäusern und -feldern und wir ernten fleißig – wenn wir nicht damit beschäftigt sind, in den Gewächshäusern tabula rasa zu machen. Für die Tomaten ist die Saison zum Beispiel vorbei. Salat gibt es aber jede Menge, Kohl verschiedener Art, Lauch (lustige Sache, Lauchstangen aus dem Boden zu ziehen) und Karotten ebenso. Es gibt also einiges zu tun, auch wenn die Saison so gut wie beendet ist. Zum Teil wird schon jetzt die kommende Saison vorbereitet: demnächst werden zum Beispiel Karotten für das Frühjahr geerntet. Nach den ersten anderthalb Stunden Arbeit gibt es in der Regel schon die erste Kaffee-, Tee- und Marmeladenbrotpause. Doppeltes Frühstück! Ein Fest. Der Vorteil von sinkenden Temperaturen ist, dass der Körper viel verbrennt, um sich aufzuwärmen und man entsprechend mampfen kann. Ich mag mampfen.

Zum Mampfen laden übrigens auch Pilze ein, die in der Umgebung reichlich sprießen und die bei einem gemeinsamen Pilzesammeln in großen Mengen – reichlich Steinpilze darunter – in Alans und meinem Weidenkorb landeten. Wie Schade, dass ich als Kind überhaupt keinen Geschmack an Pilzen finden konnte, ich würde mich heute gut damit auskennen. Meine Eltern sind große Pilzsammler. Ich zog es jedoch schnell vor, mich an Ausflügen in den Wald nicht zu beteiligen. Was mir obendrein nicht in den Kram passte, war es, Spinnennetze ins Gesicht zu bekommen. Was den Kontakt mit der lebendigen und Netze spinnenden Natur betrifft, bin heute – bilde ich mir ein – nahezu schmerzunempfindlich.

Centre de Partage zum Zweiten

Zunächst war es nach meiner zweiten Ankunft in Avioth natürlich interessant zu sehen, was von meinen Aktionen meines ersten Aufenthalts von Erfolg gekrönt war. Von den Erdbeerpflanzen war alles noch da, von den Himbeeren dürften immerhin zwei Drittel überlebt haben, der Sanddorn ist komplett eingegangen, der Eibisch ebenso. Der Monat für gelingende Umpflanzaktivitäten ist auch wahrlich nicht der August, wie ich mir habe sagen lassen. Nach meiner Abfahrt Ende August gab es erst einmal noch reichlich Trockenheit zu überstehen. Keine guten Voraussetzungen. Der beste Monat ist wohl der November. „A la Sainte Catherine, tout bois prend racines“ ist ein unter französischen Gärtner*innen beliebtes Sprichwort: Zum Tag der heiligen Katharina (25.11.) schlägt alles Holz wurzeln. Auf Französisch reimt es sich.

Avioth war schon beim ersten Mal ein Ort kulinarischer Experimente und sollte es auch beim zweiten Mal werden. Diesmal war die Aufgabe, den Mythos der ungeheuren Schwierigkeit eines gelingenden Blätterteigs zu entzaubern. Was es braucht, ist Zeit und gemäßigte Temperaturen im Raum seiner Herstellung. Einem ersten Versuch folgte ein zweiter, beide waren volle Erfolge. Das Endprodukt Apfeltasche erfreute sich großer Beliebtheit. Blätterteig ist jetzt fester Bestandteil meines Repertoires. Der eine oder andere wartet darauf, über Weihnachten hergestellt zu werden und Gaumen zu erfreuen.

Zu meinen Tätigkeiten im Garten – oft bei Regen – gehörten ansonsten abermalige Versuche, Sanddorn-Bäumchen zu pflanzen, einen Himbeerstrauch einzuhegen (einen netten Zaun habe ich da konstruiert) und eine Parzelle mit Erdbeerpflanzen auszudünnen.

Ansonsten gab es eine Begegnung mit einem Herrn, Psychologe von Beruf, der das erste Mal im Centre zu Gast war. In Brüssel ist er in einem von der Stadt finanzierten ökologischen Freiwilligen-Projekt aktiv. Eines Tages ist eine Gruppe junger Leute mit ihm in Kontakt getreten, die jemanden mit einem bürgerlichen Erscheinungsbild brauchten, um ihr Image aufzubessern. Es gibt innerhalb dieses Projekts nun verschiedene Arbeitsbereiche, seiner ist Kompost: Das Ziel ist es, Nahrungsmittelabfälle im Stadtgebiet bestmöglich in Kompost umzuwandeln, der anschließend in Stadtgartenprojekten zum Einsatz kommt. Nicht übel. Seine Aufgabe wird es sein – wird, denn das Ganze läuft erst an –, sich mit klagelustigen AnwohnerInnen auseinanderzusetzen, die der Gestank stört. Dem sehe er freudig entgegen. Einen Kompost anzulegen ist übrigens ganz im Sinne der Permakultur, die zu ihren Prinzipien zählt, keinen Müll zu produzieren. Was zu Kompost wird, ist kein Müll.

(Ich habe indes nicht eingelöst, was ich an anderer angekündigt hatte: über Permakultur zu schreiben. Ich spanne euch hiermit noch weiter auf die lange Folter: ich hole es nicht jetzt nach, aber bald!)

René Dumont

Indes hatte ich die Zeit, einen Klassiker der französischen Ökoliteratur zu Ende zu lesen – erstanden hatte ich das Buch während eines Zwischenstopps meiner Wanderung in Lunéville, als wäre mein Gepäck nicht schon schwer genug gewesen: L’utopie où la mort – Utopie oder Tod, erstmals erschienen 1973. Der Autor René Dumont ist eine interessante Figur, ein Agrarwissenschaftler, Sozialist, der in französischen Kolonien unterwegs war – zum Zeitpunkt seiner Aufenthalte waren es noch Kolonien –,die größte Zeit seiner Karriere für eine Revolutionierung der Landwirtschaft weltweit eingetreten ist, Beratertätigkeiten für die Regierung nachging, später aber eine geistige Wende vollzogen hat, die vor allem durch den 1972 erschienenen Bericht The Limits of Growth – Die Grenzen des Wachstums – des Club of Rome ausgelöst wurde. In seiner Streitschrift geht er hart mit der Green Revolution, die nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit für eine Industrialisierung der Landwirtschaft sorgte, ins Gericht. Diese sei weit dahinter her, in der Dritten Welt die versprochenen Erträge zu erzeugen. Er spricht über Ressourcenknappheit; über globale Ausbeutungsverhältnisse – seine Erfahrungen in den Kolonien haben stark dazu beigetragen (seinen Frantz Fanon scheint er gelesen zu haben, denn mehrmals taucht kursiv ein Ausdruck auf, der diesem als Buchtitel gedient hat: les condamnés de la terre – die Verdammten dieser Erde, ein Klassiker der Literatur zum Thema Postkolonialismus) –, die sich unter anderem darin äußern, dass der globale Norden die Ressourcen des globalen Südens plündert, die letzterer bräuchte, um Anschluss an die Industriegesellschaften zu finden; über Bevölkerungswachstum, in dem er die größte Bedrohung sieht; über die Entstehung von Megapolen, die eine menschenunwürdige Lebensumgebung darstellen; über Konsum. Er stellt das dem Sozialismus eigene Produktivitätsideal in Frage: Es könne nicht länger darum gehen, jedem das zu geben, was er braucht, ohne die Frage zu stellen, ob dieser und jener Bedarf vor dem Hintergrund einer sich anbahnenden globalen Katastrophe („[Nous] fonçons à toute allure dans le brouillard vers un mur de ciment“ – „Wir rasen mit vollem Tempo im Nebel gegen eine Wand aus Zement“) zu rechtfertigen ist. Ein nicht in Frage zu stellender Bedarf ist der nach Nahrungsmittelsicherheit in der ganzen Welt. Nahrung, Kleidung, Bildung, Wohnen – darauf habe jede*r ein Anrecht, Privatfahrzeuge gehören definitiv nicht dazu. Nach einem Analyseteil stellt er auch Vorschläge für Interventionen vor, nicht ohne einzuräumen, dass so einiges skizzenhaft bleibt, aber man müsse ja was anbieten, auf dass andere weiter daran tüfteln. Was mir im Kopf geblieben ist: Es brauche eine internationale Organisation, die den Ressourcenmarkt regelt und dafür sorgt, dass Ressourcen gerecht verteilt werden; es brauche Programme zur Begrenzung der Weltbevölkerung; die Welt müsse sich vers les socialismes – in Richtung der Sozialismen – entwickeln, ein in der deutschen Übersetzung merkwürdig anmutender Plural, der darauf verweist, dass es eben nicht einen Sozialismus gibt, der gleichermaßen überall tauglich ist, es brauche regional angepasste Varianten, ohne dass er allerdings darüber weiter ins Detail geht; es brauche perspektivisch ein Verbot des individuellen Personenverkehrs.

René Dumont war der erste ökologische Präsidentschaftskandidat in Frankreich. Die Niederlage bei der Wahl 1974 war allerdings eindeutig: Etwas um die 2 Prozent konnte er erringen. Mit einem Programm, das fordert, dem Wirtschaftswachstum Einhalt zu gebieten, war in einem Frankreich, in dem der Konsumismus in volle Fahrt gekommen war, keine Wahl zu gewinnen.

In einem Büchlein mit dem Titel All you need is less schreibt Nico Paech, einer der beiden Autoren, an einer Stelle: „Hätten jene, die sich seinerzeit am Startpunkt eines ‚grünen‘ Aufbruchs wähnten, erahnen können, welche Exzesse an ökologisch rücksichtslosen Handlungsroutinen noch bevorstehen […], sie hätten die seinerzeit gebräuchlichen Dramatisierungen wie ‚Wegwerfgesellschaft‘, ‚Wohlstandsfalle‘, ‚Konsumterror‘ und Buchtitel wie Homo consumens oder Ein Planet wird geplündert für später aufgespart, um ihr rhetorisches Pulver nicht vorzeitig zu verschießen.“ In diese Aufzählung fügt sich wohl auch L’utopie où la mort ein.

Schulden

Einige Bewohner*innen des Centre erwiesen sich indes als Liebhaber*innen anspruchsvoller Zeitungslektüre. Eine Ausgabe der Monde diplomatique lungerte im Gemeinschaftssaal herum und kündete von einer Sonderausgabe in Magazin-Form. Titel: Faut-il payer la dette ? – Muss man Schulden zurückzahlen? –, die ich inzwischen erstanden habe. Ich möchte dafür Werbung machen, in der Hoffnung, dass nicht nur Le Monde diplomatique selbst in verschiedenen Sprachen erscheint, sondern auch seine Magazine. Wer seinen Werkzeugkasten der fundierten Kapitalismus-Kritik erweitern will, der sollte sich – wie ich nach der Lektüre eines Großteils des Hefts finde – mit Schulden auskennen. Gleiches gilt für jene, die im Postkolonialismus-Diskurs sicherer im Sattel sitzen wollen, denn Schulden spielen eine wichtige Rolle dabei, sogenannte Entwicklungsländer im Würgegriff von Industriegesellschaften zu halten. Wie Schuldsysteme überhaupt funktionieren und was der Internationale Währungsfond (IWF) so treibt, habe ich erst jetzt begriffen. Man lernt darüber hinaus, was Schulden mit Raubbau an der Natur zu tun haben. Und so einiges mehr, was mir vorher völlig unklar war und ein absolutes Muss ist, wenn es darum geht, zu begreifen, in was für einer Welt man eigentlich lebt. Ich kann mich nicht erinnern, auf so wenigen Seiten schon mal so viele mein Weltbild vervollständigende Informationen gefunden zu haben.

Zum Abschluss noch einige Textstellen aus Dumonts L’utopie où la mort, gleichwohl einige der präsentierten Fakten inzwischen eine Revision erfahren haben mögen. Hervorhebungen im Original:

„Buchstäblich unverantwortlich wären diejenigen, die darauf bestünden, die Schlussfolgerungen des Club of Rome, die mir unwiderlegbar scheinen, zu ignorieren: ein exponentielles Wachstum der Population und der Industrie kann nicht unbegrenzt und nicht mehr für lange Zeit fortdauern in einer begrenzten Welt.

„[…] jedes Mal wenn man […] eine Kalorie pflanzlichen Ursprungs durch eine tierischen Ursprungs ersetzt – Schweinekotelettes anstelle der Kartoffel – braucht es ungefähr 7 pflanzliche Kalorien um eine tierische zu produzieren. Nach amerikanischem Standard würde die landwirtschaftliche Produktion nicht erlauben, eine Millarde Menschen zu ernähren! Die industrielle Produktion würde nur für 600 Millionen Bürger*innen der USA reichen.“

„[…] das Gesetz des Profits zog, bis in die letzten Jahre, die Rettung des Planeten nicht in Betracht.“

„Der erste Widerspruch scheint sich mir eher zwischen den modernen Arbeiter*innen, die die ländlichen Massen darstellen, die Bewohner*innen der Elendsviertel und andere Arbeitslose und verelendete Unter-Beschäftigte der dominierten Länder [Länder des globalen Südens, fgthw] auf der einen Seite, und all denjenigen, die sie ausbeuten auf der anderen Seite aufzutun: eingeschlossen der wohlhabenden Arbeiter*innen der reichsten Länder, diejenigen, die in großen Fahrzeugen von Toronto nach New York fahren, von Chicago nach Los Angeles … und in Paris. Schon vor einem Jahrhundert unterstrich Engels, dass die englischen Arbeiter*innen vom britischen Kolonialismus profitierten. Die zwiespältige Stellung unserer Arbeiterklasse in Westeuropa hindert sie daran, sich voll und ganz gegen die offen liegenden weltweiten Ungerechtigkeiten einzusetzen, weil auch sie davon profitiert.“

„Von einem globalen Blickwinkel betrachtet geht es nicht länger darum, ist es nicht länger möglich, jedem und jeder alles zu geben, was er oder sie begehren kann – oder vielmehr, was die Konditionierung der gegenwärtigen Gesellschaft sie begehren macht – sondern was genügt, um ihm oder ihr zu erlauben, vollständig zu leben [vivre pleinement], was viel weniger ergibt.“

Zu Fuß in Richtung Norden

Vorgenommen hatte ich mir eine Wanderung von Sainte-Marie-aux-Mines bis nach Montmédy. Auf direktestem Wege sind das ungefähr 220 km – das spuckt googlemaps aus, wenn man die beiden Orte eintippt. Diese – oder eher etwas mehr, denn den direktesten Weg würde ich schließlich nicht gehen – galt es, in etwa 10 Tagen zurückzulegen. Erstes Etappenziel war ein Örtchen in der Nähe vom Col du Hantz (Col ist der tiefste Punkt zwischen zwei Anhöhen), denn dort wollte ich Cornel treffen, der mich zu sich eingeladen hatte. Diesen Herrn hatte ich bei Robert kennengelernt. An einem Abend etwa eine Woche zuvor hatte er eine Freundin samt ihres Freundes eingeladen und diese Freundin war bekannt mit Cornel, der auch dabei sein durfte. Er ist Mitte 70, viel mit seinem Wohnwagen in Europa unterwegs, Geograph in Rente, rumänischen Ursprungs und seit einigen Jahren französischer Staatsbürger. Cornel bot mir an diesem Abend an, bei ihm vorbeizuschauen und mich vielleicht sogar ein Stück auf meinem Weg zu begleiten. Das würde ich machen, beschlossenen Sache.

Den ersten Abschnitt meiner Wanderung in Richtung französisch-belgischer Grenze legte ich nicht allein zurück. Die letzte Woche bei Robert hatte ich François als Co-Wwoofer, in den Vogesen zu Hause und seines Zeichens begeisterter Wanderer. Schon vor meinem Aufbruch hatten wir Gelegenheit, die Umgebung zu erkunden und den nächstgelegenen Gipfel zu erklimmen. Ich habe mich also schon mal körperlich an die vor mir liegende Herausforderung vorbereitet. François war mit einer Wanderkarte ausgestattet und der passenden Applikation auf seinem Telefon, es konnte also nicht viel schief gehen. Nach einem Ausflug auf den Markt von Sainte-Marie-aux-Mines, wo auch Robert sein Obst und Gemüse verkauft, wir uns von ihm verabschiedeten und wo ich mein Proviant kaufen konnte, ging es los – hinein in den Wald.

François machte am Nachmittag kehrt, um noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder dort anzukommen, von wo wir gemeinsam aufgebrochen waren. Seine Wanderkarte, die genau bis zum Col du Hantz reichte, überließ er mir. Von da an also war ich allein, umgeben von Stille, dem Duft von Nadellaub, bei allerbestem Wetter. Ich habe es an dem Tag nicht bis zu Cornel geschafft. Mein Zelt durfte ich ein erstes Mal oben auf einem Hügel aufbauen, auf einem Felsplateau mit bestem Blick auf den Sonnenauf- und Untergang. Am späten Nachmittag des nächsten Tages kam ich bei Cornel an.

Cornel

Cornel holte mich vor dem Haus einer kleinen Assoziation von Künstler*innen des pittoresken Dorfes ab, in dem er sich angesiedelt hat. Diese Assoziation veranstaltet Konzerte und organisiert eine Kunst-Ausstellung im Freien in unmittelbaren Nachbarschaft des Dorfes, beginnend im Wald. Er bot mir an, eine der möglichen Touren mit mir zu machen. Das machte allerdings die Entscheidung nötig, eine Nacht bei ihm zu bleiben. Warum nicht, ich war nicht in Eile, genoss den Gedanken an den Komfort einer Dusche und eines warmen Bettes und die Ausstellung klang ja tatsächlich ganz spannend. Wir waren gute drei Stunden unterwegs, was meinen Hüften zu schaffen machte, was mir wiederum zu denken gab. Nach anderthalb Tagen tun mir schon die Hüften weh. Es lag aber eher daran, dass Cornel ein ziemlich flottes Tempo vorgegeben hat.

Immer wieder tauchten bei unserem Spaziergang lustige Gegenstände am Wegesrand auf, die sich in die Waldlandschaft einfügen. An einen überlebensgroßen aus Holz geschnitzten amerikanischen Ureinwohner erinnere ich mich. Schönes Konzept. Wie oft war ich in Kunstausstellungen und habe mir danach sagen müssen, dass ich nichts mitgenommen habe. Wenn einem hier nichts zusagte, hat man einen schönen Spaziergang durch den Wald, an einem Bächlein vorbei und über Wiesen gemacht.

Auf dem Rückweg machten wir bei einem Nachbarn halt, der seinerseits Wwoofer*innen bei sich aufnimmt und auch gerade eine Wwooferin da hatte. Auch sie befand sich mitten in einem Sabbatjahr, das sie mit Wwoofing füllte und auch sie war lustigerweise schon bei Robert in den Jardins de la Fourmi zu Gast – und hatte es da nicht länger als 4 Tage ausgehalten. An der Gastfreundschaft und Großzügigkeit Roberts hatte sie nichts auszusetzen, aber ihr war das dann doch alles etwas zu verdrogt, was sie da in seinem Freundeskreis beobachtet hat.

Cornel hat lustige Sachen in seinem Leben gemacht: Wanderungen von einem Ende ans andere in Rumänien, studiert, bis er 30 war; eine ganze Weile hat er das Funktionieren einer Versuchs-Windkraftanlage sichergestellt: Ziemlich zurückgezogen in den Bergen lebte er in einem Häuschen gleich neben der Anlage. Wenn es regnete, gab es in seinem Häuschen Erscheinungen, die einer Aurora Borealis gleichkamen. Irre. Im Winter wurde seine Versorgung sichergestellt von einem wackeren Trupp von Leuten, der Schlitten mit Proviant den Berg hochzog. In der Sahara hatte er auch ein Projekt. Von beidem hat er uns – mir und der Wwooferin von nebenan – Bilder gezeigt (nicht von der Aurora Borealis, die mussten wir ihm so abkaufen). Und seitdem er 60 ist, ist er in Rente und baut an dem Haus herum, das er sich gekauft hat. Das muss am Anfang eine ganz schöne Bruchbude gewesen sein. Das handwerkliche Geschick zu dessen Aufhübschung hat er sich über die Zeit angeeignet. Zu seinem Häuschen gehört auch einiges an Grünfläche und verschiedene kleine Schuppen, von denen er sich einen zur Sauna umgebaut hat. Außerdem eine Hütte, in der seine Gäste schlafen. Dazwischen gibt es dann so einige künstlerische Versuche seinerseits, Installationen aus Metall, Mobiles aus Töpfen und Pfannen. Eine winzige Rente hat der Herr, aber er hat sich eine wunderbare Lebensumgebung geschaffen, in Naturnähe und Nähe zu erwähnter Assoziation, in der auch er in der einen oder anderen Sache umtriebig ist. Und für Reisen mit seinem Wohnwagen reicht es bei ihm erstaunlicher Weise auch noch. Eine Europareise hatte er gerade hinter sich. Und wenn er nicht reist, ist es ihm ein großes Vergnügen, seine Bekanntschaften aus aller Welt bei sich aufzunehmen, gerne auch flüchtige wie mich.

Von ihm mit einer Karte der Umgebung und einem Kompass ausgestattet ging es am nächsten Tag weiter. Ende dieser Etappe war ein See: Pierre Percée. Meine Badehose hatte ich im Gepäck, einer Erfrischung stand nichts im Weg.

Mir war bei meinem Aufbruch gar nicht bewusst, dass ich mich unentwegt entlang von Frontverläufen des Ersten Weltkrieges bewegen würde. Ich kam an allerlei Zeugnissen des Kriegsgeschehens vorbei: Bunkeranlagen, Gräben auf Anhöhen mitten im Wald und gewaltigen Bombentrichtern, die von Minen herrührten, die die Deutschen unter den französischen Schützengräben – bis dorthin hatten sie sich vorgegraben – haben hochgehen lassen und ein ganzes Regiment verschwinden ließen.

Paulette

Bei meiner Ankunft in Cirey-sur-Vezouze muss es schon nach 19 Uhr gewesen sein, denn es dämmerte schon langsam. Ich hatte nichts mehr zu essen also war die Hoffnung groß, dass es in diesem verlorenen Örtchen – immerhin aber schon groß genug, um sich Stadt zu nennen – doch noch irgendetwas geöffnet sein möge. Der erste Mensch, dem ich auf der Straße begegnete, war eine Dame um die 80, und die fragte ich dann auch gleich, wo ich was zu essen finde. Sie wies mir den Weg zum zentralen Platz und bot mir im Zuge eines kleinen Plauschs, der sich anschloss, an, mein Zelt in ihrem Garten zu errichten. Da sagte ich nicht nein. Ich stellte also meinen Rucksack in ihrem Garten ab und ging erstmal auf Nahrungssuche.

Das einzige, was offen war, war ein Imbiss-Wagen, der einsam und verlassen auf dem Platz stand und auf Kundschaft harrte. Das Wetter war nicht ideal. Da ich der einzige Kunde war, gab es die Gelegenheit, mit der Betreiberin, die ihren Sohnemann als Gehilfen dabei hatte, ein wenig zu plaudern, von meiner Wanderung zu erzählen und wo es hingehe. Von ihr erfuhr ich, dass ein Wetterumschwung bevorstand. Ach, Nancy, ja da sei sie am Wochenende auch, da gebe es einen kleinen Öko-Markt mit Produzenten aus der Umgebung und Ausstellern aller Art. Da hatte ich dann also ein konkretes Ziel in Nancy. Zu wissen, dass man bald wieder auf ein bekanntes Gesicht stößt, tut doch ganz wohl, wenn man ganz allein unterwegs ist. Gerade an diesem Tag hatte ich lange den Eindruck, dass es mal wieder Zeit wäre, mit irgendwem zu tun zu haben, nachdem ich die vorangegangenen beiden Tage fast keinen Kontakt zu niemandem hatte. Cirey-sur-Vezouze hatte mir zwei nette Begegnungen beschert und darüber die Aussicht auf eine weitere in nicht zu ferner Zukunft.

An diesem Abend sollte es das erste Mal regnen, mein Zelt stellte ich bei gemächlichem Regen auf.

Am nächsten Morgen, schon bereit aufzubrechen, öffnete die Dame, in deren Garten ich die Nacht verbrachte, ihr Fenster in der ersten Etage. Und so kam es, dass ich noch zu einem Kaffee eingeladen wurde und darüber hinaus auch in den Genuss einer Dusche kam. Paulette – so stellte sie sich mir dann vor – gestand mir – sie nannte es ein Geständnis –, dass sie schon ein wenig Angst hatte am Abend zuvor bei dem Gedanken daran, wen sie da zu sich eingeladen hat. Das war ihr schrecklich unangenehm, denn jetzt, wo sie sich sicher war, dass ich kein übler Gauner war, machte sie sich schreckliche Vorwürfe, dass sie mich da im Zelt hat schlafen lassen. Mehrmals war sie den Tränen nahe. Gleichzeitig war sie aber froh, einem Wanderer geholfen zu haben – das hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie mal in eine solche Situation kommt, in der sie einem Menschen auf solche Weise zu Hilfe zu kommen. Die Gute hat ziemlich dick aufgetragen. Da war eine ganze Portion ihrer christlichen Ethik mit im Spiel. Der liebe Herrgott war ihr ziemlich wichtig und mir empfahl sie auch, in der Not mal ein Gebet loszuwerden, das verschaffe Sicherheit. Die gute Dame war traurig, dass ich gehen würde. Emotional war in der kurzen Zeit einiges in ihr los. Zum Schluss wurde ich noch mit Schokolade und Keksen ausgestattet und mir ein „Merde, merde, merde“ – das sage man in ihrer Region so, um jemandem Glück zu wünschen – mit auf den Weg gegeben. Ich habe ihre Adresse notiert, damit ich ihr von meinem Zielort aus eine Postkarte senden kann. Da freut sie sich.

Es begann der letzte Tag, an dem das Wetter mitspielte und zu reichlich Zwischenhalten für Lektüre einlud. Am Tag darauf regnete es. Nicht besonders stark, aber von allen Seiten und ununterbrochen. Der Wind machte die Angelegenheit tödlich. Dem war ich nicht selten völlig ungeschützt von allen Seiten ausgesetzt, denn die Landschaft war längst nicht mehr waldig. Ungeschützt auch ob mangelhafter Kleidung: Eine wasserdichte Jacke hatte ich nicht, nur so ein Ding, das im Grunde ein Plastiksack mit Kapuze und Ärmeln ist. Ein bitterer Tag. Ein Scheißtag. Ich hätte meinen Wanderstock wegschmeißen und meine Hände tief in meinen Hosentaschen vergraben sollen. Meine Hände waren ab einem bestimmten Punkt kaum noch für etwas zu gebrauchen: Mein Taschenmesser aufklappen, um mir Brot- und Käsescheiben zu schneiden? Ging nicht mit diesen Eisklötzen! Ging dann doch, nachdem ich sie mir für 10 Minuten unter die Achseln geschoben hatte. Verhungern musste ich also nicht. Und zwischendurch gab es diesen fürchterlichen Schmerz in meiner linken Pobacke, der mich irgendwann zum Anhalten zwang.

In Lunéville kam ich mit völlig durchweichten Schuhen und halb zerfetztem Plastiksack an. Das war am Nachmittag, als die Schulen der Stadt ihre Schüler*innen ausspuckten. Von denen erntete ich einiges an hämischen Blicken. In Lunéville richtete ich mich für zwei Tage auf einem Campingplatz ein. Das Wetter lud nicht dazu ein, weiterzulaufen und meine Füße wollte ich auch etwas schonen. Außerdem musste ich meine Schuhe trocken kriegen. Von einem deutschen Camper-Pärchen bekam ich Nähzeug, um einen ziemlich peinlichen Riss in meiner langer Hose zu nähen, den ich mir bei Kniebeuge-Machen zugezogen hatte. Lunéville ist ziemlich schnucklig mit seinem kleinen Versailles, gleich neben dem Campingplatz und mitten im Stadtinneren gelegen. Einen Tag verbrachte ich zu großen Teilen lesend im Zelt, während es draußen prasselte. Ansonsten zwei Kinobesuche, Kuchen und Spaziergänge.

Dann musste ich aber wirklich weiter, Wetter hin, Wetter her, ich wollte schließlich irgendwann am Ziel ankommen. Es regnete unentwegt und die Kapuze meiner umgewickelten Lumpentüte war nicht mehr zu gebrauchen. Mein Kapuzenpulli reichte aber aus. Der Wind kehrte immerhin erst am Abend in all seiner Grausamkeit zurück, nachdem ich mein Zelt aufgestellt hatte. Oder doch leider erst dann, denn hätte er schon früher geblasen, hätte ich mir einen anderen Ort ausgesucht. Mein Zelt wurde von allen Seiten attackiert. Der Eingang erwies sich als nicht völlig wasserdicht. Immer wieder musste ich barfuß in die Nässe und Kälte, um irgendetwas am Zelt zurechtzurücken, damit es wenigstens etwas von der Feuchtigkeit verschont bleibt. In meinem Schlafsack war es bis zum Morgen immerhin noch trocken, aber im Laufe des Vormittags, den ich solange im Zelt verbringen wollte, bis es vielleicht mal aufhört, zu regnen, kam es zur Bildung von Pfützen, die alles in Mitleidenschaft zogen. Der elendste Moment meiner Reise. Alles nass. Es ist kalt. Was habe ich geflucht. Es half nichts, ich musste mich bewegen. Also bin ich mit großer Überwindung in meine nassen Socken geschlüpft, in die noch nasseren Schuhe und habe mein Zelt abgebaut. Auf nach Nancy, weit war es nicht mehr.

Sylvie

Wenn man erst mal in Bewegung ist, ist die Welt nur noch halb so schlimm.

Gegen Mittag fand ich mich auf dem kleinen Jahrmarkt ein, von dem ich in Cirey-sur-Vezouze erfahren hatte. Das war am Morgen eine nicht zu unterschätzende Motivation gewesen, mich auf den Weg zu machen. Ich fand dort schnell den mir bekannten Imbiss-Wagen und wurde auch sofort wiedererkannt. Für meine Leistung bekam ich einen Becher mit Kürbissuppe geschenkt. Perfekt. Und dann habe ich mir angeschaut, was es sonst noch gab.

Mein Wandereroutfit lud natürlich zum Plaudern ein. Am ersten Stand, an dem ich Süßigkeiten erstand, wurde ich denn schließlich gefragt, wo ich die Nacht verbringe. Das wusste ich noch nicht, aber ich werde schon irgendein Hostel finden. Aber die Dame am Stand wurde sofort rührig und begab sich zum Nachbarstand, da, wo eine Handvoll Leute ihr kleines Projekt eines selbstorganisierten Öko-Supermarktes präsentierten und nach neuen MitstreiterInnen suchten. Die grauhaarige Dame, die daraufhin ihr Handy zückte, bat ich, es wieder einzustecken, das sei ja nett, aber die Mühe, ein Hostel zu mich zu finden, müssen nun wirklich nicht andere Leute für mich machen. Das war aber gar nicht ihre Absicht. Es ging um Nummerntausch, denn die Gute hatte einen Platz für mich im Bett des nur hin und wieder bewohnten Kinderzimmers in ihrer Wohnung. Das mache sie wohl häufig, spontan irgendwelche Leute bei sich unterbringen. Ob die dann auch so gänzlich unbekannt sind wie ich kann ich mir aber schwer vorstellen. Und so sollte ich also zwei Nächte in der Wohnung von Sylvie verbringen. Welch glückliche Fügung. Und welch ein Beispiel an Gastfreundschaft.

Den Nachmittag musste ich noch mit nassen Füßen verbringen, denn Sylvie hatte noch eine Verabredung mit ihren Eltern. Am Abend die endgültige Erlösung von all meinem Leidwesen. Suppe gab es auch noch.

Einen ganzen Tag blieb ich dann noch in Nancy, genug, um mich mit einer Karte für den verbleibenden Abschnitt auszustatten (es würde bis nach Metz gehen, nicht weiter, denn erstens würde ich mich doch zu sehr verspäten, wenn ich noch weiter laufen würde und außerdem gab es dann auch keine vielversprechenden Wanderwege mehr), mit Wetterkleidung sowie Wandersocken, um der Abnutzung meiner Füße nicht weiter Vorschub zu leisten. Kuchen gab es natürlich auch. Sightseeing war am Nachmittag des Tages zuvor schon weitgehend abgehakt. Schöne Stadt, Nancy, ein prächtiger zentraler Platz mit einem temporären Garten (den gibt es jedes Jahr zwei Monate lang), mittelalterlichen Toren, Cafés, Restaurants und art nouveau, was dem Jugendstil entspricht. Von einer gewissen Dynamik in der Stadt in Richtung ökologischer Transition habe ich mich auf dem erwähnten Jahrmarkt überzeugen können. Nancy hat zum Beispiel eine Lokalwährung, den Florin. Am späten Abend des Tages vor der Fortsetzung meiner Wanderung bot mir Sylvie noch eine kleine Tour mit ihrem Auto zu den Straßenzügen an, die nahezu vollständig im Stil der art nouveau errichtet wurden. Zum Abschluss noch die krasseste art-nouveau-Villa, die die Stadt zu bieten hat. Wer Jugendstil mag, wird an Nancy Gefallen finden.

Am nächsten Morgen wurde ich zum Bahnhof gefahren, wo kurz nach neun mein Zug nach Liverdun ging. Alternativ hätte ich einen riesigen Bogen laufen müssen, um auf meinen Wanderweg nach Metz zu kommen. Ich habe also minimal geschummelt.

Von Liverdun – kleines, ruhiges, mittelalterliches Städchen – sollte es dann weiter in Richtung Norden gehen. Da ich aber den Moment verpasst habe, wo der Weg sich teilt (ich hatte nicht im Kopf, dass er es tut), bin ich den halben Tag in die falsche Richtung gelaufen. Entsetzen, als ich das Ortseingangsschild von Toul sah. Große Frustration. Da wollte ich nicht hin. Also den ganzen Weg zurück. Und da ich wenigstens dort ankommen wollte, wo ich am Morgen angefangen hatte, schnellen Schritts. Ich fand mich bei Einbruch der Nacht im Wald leicht nördlich von Liverdun wieder, weil ich zu wählerisch in der Wahl meines Nachtlagers war. An diesem Tag muss ich zwischen 35 und 40 Kilometer gelaufen sein.

Trudy

Am nächsten Tag also weiter immer in Richtung Norden. Am Abend kam ich Pont-à-Mousson – Brücke nach Mousson – an. Während das also der Name der Stadt ist, ist Mousson ein Dörfchen, das einer Burg vorgelagert ist. Und dort fand ich mich am Abend wieder. Die Wegmarkierung war an der Stelle etwas rätselhaft, also fragte ich auf gut Glück den ersten Menschen, dem ich begegnete – eine Dame, die gerade ihr Haus verlassen hat –, ob sie sich mit meinem Wanderweg auskenne. Ja, tue sie. Und obendrein könne ich in ihrem Haus die Nacht verbringen. Sie selbst sei Radfahrerin und auch gerne einmal wandernd unterwegs und da ist man gern solidarisch mit Wanderern, die des Weges kommen.

Trudy und ihr Mann François, den ich dann später am Abend auch noch kennenlernen sollte, haben in ihrem Leben irrsinnige Radreisen unternommen. Sie eine von Kanada bis in den Süden Südamerikas, er von der Normandie bis nach Neuseeland (natürlich nicht ohne zwischendurch ins Flugzeug zu steigen, wo es nötig wurde), wo sie sich kennengelernt haben (eine Ewigkeit her), und zuletzt eine gemeinsame von Frankreich nach Zentralasien. Irre. Sie sind in einem Netzwerk von Radfahrer*innen, die sich gegenseitig beherbergen. Ein Wanderer geht dann auch mal klar. Nun, auch dort wurde ich gut mit Essen versorgt, mit einer Dusche und einem warmen Bett.

Zwei Tage waren es noch bis Metz, zwei verregnete. Aber immerhin ohne Wind. Am ersten der beiden hatte ich leider das Pech, an einer Stelle komplett im Kreis zu laufen. Anderthalb Stunden verloren. Aber gut, es war schon schlimmer gekommen. Irgendwann führt der Wanderweg an die Mosel, die durch Metz fließt. Der letzte Abschnitt, den ich an einem Vormittag zurücklegte, war abermals von scheußlichem Wetter begleitet, so wie auch mein Aufenthalt in Metz. Aber das hat mir alles nichts ausgemacht. Am Abend wusste ich mich wieder in Avioth und in größtem Komfort. Für Metz hatte ich fünf Stunden. Schöne Stunden, denn Metz ist chic. Germanique, wie sowohl Sylvie als auch François (der aus Mousson) mir sagten. Tatsächlich ein ganz anderes Stadtbild als Nancy: Die Pracht kommt weniger durch Gold zum Ausdruck als mit Robustheit in der Bauweise. Was für ein Bahnhof. Erinnert an das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Eine der Kirchen der Altstadt an die Gedächtniskirche in Berlin. Gründerstil. Ansonsten sehr grün, sehr guter Falafel (in Frankreich gar nicht so leicht zu finden! Dort gibt es ansonsten nur ganz fürchterlichen Döner – wirklich fürchterlich, nichts als Fleisch und dazu auch noch Fritten mit irgendeiner 08/15-Sauce), sehr guter Kuchen, sehr sehenswerte Kathedrale.

Meine Wanderung war damit nach zwölf statt zehn Tagen zu Ende. Wenn Glück, wie es heißt, aus Kontrasten besteht, dann ist Wandern die sprudelnde Quelle des Glücks. Es entsteht aus dem Wechsel von Entbehrung und Komfort, von Einsamkeit und netten Begegnungen, von Labsal und Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft in Momenten, in denen man nicht damit rechnet und in denen sie gelegener nicht kommen könnten. Welch ein Spaß ist es obendrein, sich in jedem Dorf, durch das man läuft, Apfel- und Birnenbäume zu finden, die entweder frei zugänglich sind oder so freundlich sind, einige ihrer Äste weit genug über die Grundstücke ihrer Besitzer*innen ragen zu lassen, auf dass man sich daran bedienen kann. Was habe ich mir den Bauch vollgeschlagen! Die Natur ist gütig. Das ist der große Vorteil einer Wanderung im September. Der Nachteil: Um acht ist es dunkel und wenn es dann auch noch regnet, gibt es nicht mal Sterne, die man sich vor dem Schlafengehen noch eine Weile anschauen könnte.

Nicht meine letzte Wanderung!

Aktivitäten in den Jardins de la fourmi, eine Exkursion und Abschied

Robert kultiviert Pilze, Shiitake, um genau zu sein. Die wachsen auf Eichenästen, die vierundzwanzig Stunden in Wasser getaucht werden, bevor sie aufgebahrt werden. Robert hat vor einigen Jahren Pilzsporen gekauft. Er erklärte mir, dass ihm kleine Blättchen zugeschickt wurden, die die Sporen enthielten. Diese kamen dann unter Stoffbänder, die um die Äste gewickelt werden. Nach zwei Jahren ist der Pilz im Inneren des Astes hinreichend verwurzelt und verzweigt, dass man den Ast zur Pilzernte verwenden kann. Nach einer Woche sind die Zweige von Pilzen überwuchert.

Freude machte die Kartoffelernte. Mit einem motorisierten Gerät hat Robert die Hügel umgegraben, auf denen die Kartoffelpflanzen gewachsen sind. anschließend hatten wir das Vergnügen, die Bahnen nach verschütteten Kartoffeln zu durchwühlen und sie entweder gleich in einen Eimer zu werfen oder sie an eine Stelle zu werfen, wo sie später eingesammelt werden konnten. Erde durchwühlen ist super.

Das Gewächshaus von Robert ist etwa dreißig Meter lang und voll von Tomaten verschiedener Varietäten: rote, gelbe, runde, konische, grüne mit roter Musterung, riesige, und kleine verschiedener Farben. Neben dem Gewächshaus hatte er ein Feld, auf dem Karotten, Zucchini, Mangold, Radieschen, Bohnen, Kürbisse, Gurken und bestimmt noch einiges mehr wuchs. Freitag war Erntetag. Die Wwoofer*innen wurden am Gewächshaus abgesetzt, in Windeseile erklärte unser Gastgeber, wie was zu ernten war und dann zischte er meistens ab, weil irgendwo irgendetwas anderes zu tun war. Die Nachmittagsaktivität war das Befüllen von kleinen Holzkisten und spielte sich in der Garage seines Hauses in der Stadt ab. Jede Kiste war mit Gemüse im Wert von 15 Euro zu füllen. Wir waren also eine ganze Weile mit wiegen beschäftigt.

Eine große Freude war es, bei der Honigernte dabei zu sein. Zunächst hat Robert in seinem Schutzanzug die Rahmen, in denen die Bienen ihre Waben gebaut haben, aus den Bienenstöcken genommen, die allesamt in dafür vorgesehene Holzkisten geschoben wurden. Damit ging es dann in den Nachbarort in eine Halle, in der wir – zu dem Zeitpunkt drei Wwoofer*innen und Robert – die Waben jedes Rahmens mit einem kammähnlichen metallenen Gerät beidseitig öffneten. Anschließend wurden die Rahmen in eine Zentrifuge eingehängt und wenn sie voll war zentrifugiert. Zwei gigantische Eimer Honig waren das Ergebnis, deren Inhalt später in Roberts Haus in der Stadt gefiltert und schließlich in Gläser abgefüllt wurde. Beim Rahmentransport und insbesondere -öffnen tropfte der Honig überall hin. Es war für alle ein zuckerreiches Vergnügen. Der Imker sollte nach erfolgter Honig-Extraktion die Rahmen sofort wieder in die Bienenkörbe schieben, damit die Bienen in dem, was übrig bleibt, wieder einrichten und noch etwas zu essen finden. Robert war an dem Abend allerdings etwas faul. Das führte dazu, dass sich die Bienenvölker gegenseitig an den Kragen gingen: Auf der Suche nach Nahrung sind sie über die leeren Bienenstöcke der anderen hergefallen. Es war ein schlimmes Gemetzel, dessen Ergebnis die darauffolgenden Tage zu sehen war. Ein von toten Bienenleibern völlig übersäter Boden. Traurig. Robert nannte es selbst einen Anfängerfehler.

Mein schwedischer Co-Wwoofer hat sich einige Tage nach seiner Ankunft auf eine Radtour – das hat er mit seinem Auto bis in die Vogesen transportiert – bis nach Besançon begeben. Waren es zwei oder drei Tage bis zu seiner Ankunft? In jedem Fall wollte er die Rücktour nicht mit dem Fahrrad machen und bat mich, ihn mit seinem Auto abzuholen. Und so kam es dann auch, allerdings nicht, ohne zwei Nächte auf einem Campingplatz in Besançon zu verbringen. Über eine französische Kleinanzeigenseite im Netz habe ich ein Zelt gefunden, das ich in einem Vorort abholte. Damit hatte ich den wichtigsten Ausrüstungsgegenstand für die bevorstehende Wanderung. Wie war es in Besançon? Ganz nett. Mir fällt gerade nicht viel zu der Stadt ein. Eine Festung von Vauban (wichtiger französischer Festungsarchitekt zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten) gab es da. Und auf dem Weg dahin einen kleinen Jahrmarkt mit Öko-Landwirten, -brauern und -bäckern der Region. Da wir kurz vor Schluss ankamen, hat der Bäcker sein Brot verschenkt. Käse gab es auch umsonst. Ansonsten gibt es in der Stadt ein römisches Tor. Mein Eindruck war, dass Besançon zum dort leben eher langweilig ist. Auf dem Rückweg nach Sainte-Marie-aux-Mines gab es noch einen Ausflug zu einem mittelalterlichen Schloss hoch oben auf einem Hügel, das allerdings in Wahrheit so mittelalterlich nicht mehr ist und auf den Wunsch von Wilhelm II in Schuss gebracht wurde, damit dieser da hin und wieder mal einige Nächte verbringen könnte.

Robert stresst seine Umwelt, ich habe es schon geschrieben. Zum Beispiel damit, dass er Leute, die ihm Weg sind, mit wedelnden Händen zur Seite scheucht. Eine Unart. Aber letzten Endes ist es die Entscheidung der Umwelt, ob sie sich stressen lässt oder nicht. Eine wichtige Lektion die ich für mich aus meiner Zeit mit Robert gezogen habe. Da gilt es, an mir zu arbeiten. Warum sollte ich sofort in den gleichen Modus verfallen wie der, der aus dem Zimmer stürmt und die Leute hetzt? Das ist mir am Tag vor meiner Abreise bitter vor die Füße gefallen. Hier, was geschah:

Wie fast jeden Tag fanden wir uns am Abend in Roberts Haus in der Stadt wieder, um einer nach dem anderen unter die Dusche zu springen. Zuvor hatte ich die Gelegenheit, mir einen kleinen Karton zusammenzubasteln, den ich an meine nächste Wwoofing-Station schicken wollte, denn all meinen Krempel würde ich unmöglich die ganze Strecke mit mir herumtragen können. Danach ging ich als erster unter die Dusche. Von Robert wussten wir, dass er am Abend noch zu Leuten aus irgendeiner Assoziation will, mit denen er tagsüber Wein geerntet hatte. Aber zunächst war er eher entspannt. Bis er als letzter die Treppe runterkommt, nachdem er im Bad fertig war: Hopp, hopp, hopp, Beeilung, ich muss los. Ich suche also in Eile mein Zeug zusammen, Portmonee in die Tasche, meine Uhr umzubinden ist keine Zeit, die kommt in den Karton. Vor seinem Wagen dann fällt mir mein Pullover ein, der noch drinnen ist. Also stelle ich den Karton hinter seinem Wagen ab, lasse mir den Schlüssel geben, zurück zum Haus, finde meinen Pullover und zurück zum Parkplatz, wo Robert, um Zeit zu sparen, schon mal ausgeparkt hat, damit ich nur noch reinspringen muss. Auf halber Strecke, etwa 5, 6, 7 Minuten Fahrt zu seiner Hütte stellt er dann die Frage, ob ich an meinen Karton gedacht habe. Was, habt ihr den denn nicht gesehen? Ich habe den doch direkt neben das Auto gestellt! Nein, haben sie nicht. Also zurück zum Parkplatz. Das hat der gute Robert von seinem Stressen, Zeit hat er nicht gewonnen. Der Karton ist noch da, alles gut, und obendrein entdecke ich im halboffenen Karton eine Plastiktüte Schokolinsen, die vorher nicht drin war. Großes Erstaunen, fanden wir alle ganz witzig, wir bedienen uns kräftig während der Fahrt. Ich will nur hoffen, so ich, dass das nicht im Austausch gegen etwas anderes war!

In der Hütte stelle ich später fest, dass meine Uhr fehlt. Also tatsächlich in Austausch gegen etwas anderes. Schönes Symbol immerhin; dafür, dass mit meiner inneren Uhr irgendwas nicht in Ordnung ist – ihr Mechanismus scheint die Macke zu haben, sich dem Rhythmus anderer Uhren anzupassen statt einfach weiter gemächlich vor sich hinzuticken, wie es ihrem Gehäuse am besten täte. Wenn euch die Metapher nicht gefällt, bastelt euch selbst eine zusammen. Und wenn euch Metaphern grundsätzlich nicht gefallen, dann vielleicht ja Palindrome: Reliefpfeiler ist doch zum Beispiel ein ganz nettes. Eins noch: Eine Horde bedrohe nie!

Abend auf dem kahlen Berg und Henni das Schwein

Bei Robert wird nicht darüber verhandelt, wie der Tag oder der Abend gestaltet wird. Wenn er mit Freunden verabredet, am Abend in den Bergen noch ein Gläschen zu trinken, dann steht fest, dass die Wwoofer*innen dabei sind. Der Versuch meines schwedischen Co-Woofers und mir, nach einem an Kartoffelernte reichen Tages Müdigkeit ins Feld zu führen, um in seiner Hütte zu bleiben und Zeit für uns zu gewinnen während er zum nächstgelegenen Gipfel fährt, wurden mit Fassungslosigkeit quittiert. Da war es schwer, zu beharren.

Gegen 19 Uhr dieses besagten an Kartoffelernte reichen Tages ging es also zu dritt in seinem Transporter bergauf. Traditionell, so Robbie, fahre man hier mit einer Flasche Bier in der einen und einem Joint in der anderen. Fanden wir beiden anderen eher bedenklich als lustig. Die Demonstration sollte allerdings noch auf sich warten lassen. Auf halber Strecke, bei einem refuge, begegnete uns ein anderer Transporter, zwei junge Männer im Inneren, zwei auf dem Dach. Kurzes Plaudern: die Leute kommen aus Belgien, sind ein bisschen in Frankreich unterwegs, der eine habe sich aus der Vergangenheit an dieses refuge erinnert, und so sind sie jetzt dort, um die Nacht darin zu verbringen. Sie seien dafür zu haben, später gemeinsam ein Bier zu trinken, wir mögen nur Halt machen bei unserer späteren Fahrt bergab. Man werde zumindest laut vernehmlich Hupen, wenn man auf dem Weg bergab wieder an ihnen vorbeikomme, so Robert. Dort später noch einmal Halt zu machen war ein Gedanke, der uns beiden Wwoofern nicht besonders zusagte.

Diese refuges, kleine Berghütten, die es wohl überall verstreut in den Vogesen gibt, sind ein Ort, an dem jeder wandernde Mensch für die Nacht sein Lager aufschlagen kann. Die Hütten sind offen für alle, es gibt einen beheizbaren Ofen, einige Holzmöbel und verheißen ziemlich großen Komfort für lau. Das Exemplar, an dem wir vorbeigefahren sind, ist noch mal besonders geräumig. Unterhalten werden die Hütten von Waldarbeiter*innen. Wen wundert es, dass junge Leute hier gerne mal Party machen.

Nach 40 Minuten gemächlicher Fahrt auf Waldpisten waren wir oben. Vor uns breitete sich eine Wiese aus, die den Hügel bedeckte, dahinter ein sagenhaftes Bergpanorama, hinter dem, zur rechten, langsam eine orangene Sonne unterging. Bald zu fünft, wurden die Bier- und Weinflaschen geöffnet. Eine ältere Dame mit Hund gesellte sich dann noch dazu, die Freude ihrerseits am Plaudern war groß. Der Hund indes hatte Hummeln im Hintern und Appetit. Mit schlabbernd heraushängender Zunge ist er wild zwischen uns umhergesprungen und hat mit seiner Glocke um den Hals herumgebimmelt, in ständiger Erwartung, dass derjenige, der etwas zu Essen in der Hand hat, was abgebe. Irgendwann ist er wie besengt riesige Achten gerannt. Kauziges Viech. Das war dann der Moment für die Wwoofer, sich ein bisschen zu entfernen, den Tag zu besprechen und zwischendurch die fast völlige Stille zu genießen. Ein Hase hoppelte dann irgendwann auf der Wiese herum. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das der erste gewesen ist, den ich bisher im Leben gesehen habe. Flinke Tiere.

Es war ein Fest. Gut, dass wir dabei waren.

Und dann ging es wieder bergab, als der Himmel fast völlig in Dunkelheit getaucht war. Die zwei Dazugestoßenen nahmen im Laderaum auf der mitgebrachten Matratze Platz. Robert trank Bier am Steuer und rauchte ein Zigarillo. Wir kamen schließlich wieder zu erwähnter Hütte. Robert entschied, anzuhalten. Für ein Bier mit den Leuten. Uff.

Die vier jungen Leute aus Belgien hatten inzwischen vor der Hütte ein Feuer gemacht, ihre Musikboxen und Bierkästen aufgestellt und eine Dartscheibe aufgehängt. Von uns bekam jeder und jede ein Bier in die Hand gedrückt. Kleine Vorstellungsrunde, die uns verriet, dass drei von ihnen Landwirtschaft studieren, der andere irgendeine Art von Ingenieurswesen. Das klang sympathisch, zumal alle das im Geiste einer nötigen Transformation machten. Zwischendurch rüde Saufrituale, die Gebrüll einschlossen. Und schließlich die Einladung, mal auf ihre Dartscheibe zu werfen, die ich bis dahin nur von der Seite gesehen hatte. Ich habe mich dann als Freiwilliger vorgewagt. Die Scheibe war nun allerdings eine auf Saufspiel ausgelegte mit merkwürdigen Feldern. Man versprach uns allerdings, uns von den Harten Strafen zu verschonen – es müsse sich niemand bis auf die Unterhose ausziehen. Na schön, wird schon nicht so schlimm, los geht’s: zwei Würfe ins nichts, der Dritte auf ein Feld, das ein Spiel bestimmt: Ich als Werfer durfte eine Kategorie festlegen, die Umherstehenden schätzen, wie viele Dinge zu dieser Kategorie ihnen einfallen. Wer die größte Zahl sagt, darf aufzählen. Wenn er oder sie es schafft, darf er oder sie bestimmen, wer sein Bierglas mit einem Zug leertrinken muss. Das musste ich an mich ziehen, denn ich wollte nicht derjenige sein, der trinken muss. Klassische Komponisten! Da hatte ich sie – der eine schätzt, er kenne 4, der andere 5, der Mutigste 9 – 20, sage ich. Kinderspiel.

Daran schloss sich eine sehr nette Unterhaltung mit zwei von den Leuten an. Unverzagt gelte es, sich den globalen ökologischen Herausforderungen zu stellen, so verrottet und hoffnungslos auch alles anmuten mag. Auf die Frage, was zu tun sei, um die Ernährung der Weltbevölkerung allein mit biologischer Landwirtschaft sicherzustellen (denn die konventionelle verseucht die Böden und das Grundwasser), meinte einer der beiden, man müsse den Fleischkonsum weltweit reduzieren, für Tierfutter ist dann nur noch begrenzt Platz, das müsse im Bewusstsein aller Menschen ankommen. Beruhigend war zu hören, dass an deren Uni vom Standpunkt einer absolut nötigen ökologischen Transformation aus gelehrt wird – das ist hoffentlich inzwischen an der Mehrzahl agrarwissenschaftlichen Uni-Standorten so. Ich habe mir von den beiden das lange nicht mehr gehörte Kompliment für mein Französisch abgeholt. Das brauchte ich, denn Robert hatte lange Zeit eine Art, mit mir zu reden, die mich glauben lassen wollte – unterstelle ich jedenfalls – dass es damit nicht so weit her war. Ständig hat er mir ohne jede Not einfachstes Vokabular ins Englische übersetzt. Vielleicht war er aber auch einfach nur traurig, einen nicht-Muttersprachler bei sich zu haben, an dem sich kein Englisch erproben ließ.

Gleich am nächsten Tag waren wir – diesmal Robby, die andere Wwooferin und ich – zu Besuch auf la Ferme d’Henni le cochon – die Farm von Henni dem Schwein, benannt nach dem ersten Tier, das die Farm aufgenommen hat, um es vor der Schlachtung zu retten und ihm ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Die Farm ist inzwischen ein Refugium für allerhand Tiere: Gänse, Hühner, Truthähne – meine Favoriten, insbesondere das männliche Exemplar –, Hasen, Ziegen, ein Schaf und bestimmt noch einiges andere, was ich vergessen habe, geworden. Für Jean-Luc, der die Farm vor etwa 5 Jahren gekauft hat, ist der Ort eine Art Therapie. Vor unserem Rundgang erzählte er von seinem Lebens- und Leidensweg, der schließlich zur Gründung der Farm geführt hat: Zwischen 1993 und 2008 war sein Job, zu prüfen, ob in französischen Schlachthäusern Richtlinien eingehalten werden. Bald erwuchs daraus ein Engagement, das über seine vertraglichen Pflichten hinausging und sich unter anderem in seiner Arbeit für das französische Kollektiv L214, das über die unwürdigen Haltungsbedingungen in der industriellen Tierhaltung aufklären will, äußert. Es sind jede Menge Fotos entstanden, die von entsetzlichem Elend in der Massentierhaltung zeugen, von denen wir einige zu sehen bekamen. Über die Jahre hat ihn das krank gemacht, so krank, dass er lange Zeit in Psychiatrien verbringen musste – aus seiner Sicht Gefängnisse, die in Nichts den Anschein erwecken, die Leute heilen zu wollen. Er wurde mit Medikamenten vollgepumpt – das war alles. Auf die Psychiatrie-Aufenthalte folgte die zweijährige Phase der Abgewöhnung von den Drogen, die man ihm verabreicht hat. Und jetzt versucht er seinen Frieden zu finden, indem er fernab von städtischem Lärm Tieren ein artgerechtes Leben zu bieten und interessierte Gruppen einlädt, die Farm zu besuchen und mit den Tieren in Kontakt zu kommen. Er betreibt weiterhin Aufklärungsarbeit und nimmt an Konferenzen teil. Es nimmt wenig Wunder, dass der Herr konsequenter Veganer ist.

Nach seiner Präsentation über sein Leben und die haltlosen Zustände in der Fleischproduktion und der tierischer Produkte im Allgemeinen – auch dem Verspeisen von Frühstückseiern gehen das Schreddern von Hühnern voraus – sowie miesen Werbetricks (la vache qui rit ist dabei wohl ein besonders prominentes Beispiel, wie Bilder von fröhlicher Tierhaltung erzeugt werden, um Konsument*innen hinters Licht zu führen; Jean-Luc hält es für wahrscheinlich, dass die Kühe eher wenig zu lachen haben, bevor aus ihrer Milch Frischkäse wird). Anschließend hatten wir unseren Spaß beim Streicheln und Füttern der zwei gigantischen Schweine. Und des Truthahn! Was für ein Fabeltier. Und alle meine schönen Bilder sind futsch, weil ich mir zu viel Zeit mit dem Updaten meines Telefons gelassen habe. Systemabsturz. Das Gerät musste ich reinitialisieren. Aber la Ferme d’Henni gibt es auch auf facebook, wenn ihr die Tiere sehen wollt.

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Ich begebe mich auf eine 10-tägige Wanderung ins Département Meuse. Es gilt, 220km zu Fuß zurückzulegen. Den nächsten Eintrag gibt es erst in zwei Wochen.